Behinderungen und behinderte Menschen in printmedialen Diskursen des 17. und 18. Jahrhunderts. (Habilitationsprojekt)

Eine diskursgeschichtliche Untersuchung anhand britischer, französischsprachiger und deutscher Periodika.

„Behinderung“ wird in der neueren Forschung nicht mehr als biologisches, medizinisch diagnostizierbares Faktum, sondern als eine in hohem Maße soziokulturell konstruierte Kategorie verstanden. Als wesentlicher Entstehungskontext dieser Kategorie werden (Körper-)Diskurse angesehen. Diskursiver Wandel geschieht permanent. Gleichwohl haben die Disability Studies in Anschluss an Michel Foucault postuliert, dass ein entscheidender diskursiver Wandel im Blick auf beeinträchtigte Menschen sich im 18. Jahrhundert vollzogen habe. Im Jahrhundert der Aufklärung habe sich die Entstehung der Diskurskategorie „Behinderung“ angekündigt, welche dann im 19. Jahrhundert ihre vollständige, moderne Ausformung gefunden habe.

Obgleich die zweite Hälfte der Frühen Neuzeit damit von den Disability Studies als ein Schlüsselmoment in der Diskursgeschichte von Behinderung hervorgehoben worden ist, ist sie bislang noch nicht auf breiter Quellengrundlage untersucht worden. Diese Forschungslücke wird durch mein abgeschlossenes Habilitationsprojekt verkleinert. Von der Prämisse ausgehend, dass es ‚den‘ Behinderungsdiskurs in den westlichen Kulturen der Frühen Neuzeit noch nicht gab, rekonstruiert die Studie, in welchen zeitgenössischen Diskursen körperliche und sensorische Beeinträchtigungen mit-thematisiert, gedeutet und funktionalisiert wurden. Als Quellenbasis dienen britische, französischsprachige und deutsche Periodika der zweiten Hälfte des 17. und des 18. Jahrhunderts. Herausgearbeitet werden vier Diskurse, in denen solche Beeinträchtigungen regelmäßig evoziert wurden: diejenigen der Armut und Armenfürsorge, der außergewöhnlichen Körperlichkeit, der Krankheit und Heilung sowie der Pädagogik. Die Habilitationsschrift untersucht diese Diskurse in ihrer Eigenlogik, fragt aber auch nach Querverbindungen zwischen ihnen und nach diskursübergreifenden Elementen. Sie zeigt, in welch vielfältiger Weise Beeinträchtigungen und beeinträchtigte Menschen funktionalisiert werden konnten und weist diskursive Kontinuitäten ebenso nach wie Phänomene des Wandels.