Das Öl und der Kampf um eine neue Weltwirtschaftsordnung - Die Bedeutung der Ölkrisen der 1970er für die Nord-Süd-Beziehungen

Projektskizze (Stand 4/2015)

„You in the West are interested only in your oil“, erklärte ein indischer Delegierter einem Abgesandten der Europäischen Gemeinschaft während eines Treffens der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) 1974. „Once you are able to buy it again at a low price, you will promptly forget about us. This is why we intend to exploit the oil crisis to force you into a general revision of the terms of exchange that will do us more justice.“ Forderungen nach einer veränderten Weltwirtschaftsordnung, die den Ländern des globalen Südens fairere Bedingungen garantieren sollte, waren nicht neu. Die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs stetig wachsende Zahl der dekolonisierten Länder hatte seit den 1960er-Jahren wiederholt im Rahmen des Non-Aligned Movement  und der UNCTAD Umstrukturierungen gefordert. Und tatsächlich gelang es 1974 vor allem auf algerische Initiative, ein außerplanmäßiges Zusammentreffen der Generalversammlung der Vereinten Nationen einzuberufen, das sich mit der Frage nach einer neuen Weltwirtschaftsordnungbefassen sollte. Ein Jahr später begann in Paris der sogenannte Nord-Süd-Dialog, der sich bis 1977 mit Energie-, Rohstoff-, Entwicklungs- und Finanzfragen auseinandersetzte. Die Nord-Süd-Beziehungen standen in den 1970er-Jahren offensichtlich zur Verhandlung. Dass dabei die erste Ölkrise von 1973/74, während der es der OPEC gelungen war, den Ölpreis zu vervierfachen, eine wichtige Rolle spielte, schien für den eingangs zitierten indischen Delegierten evident.

Aber wie genau veränderten die Ölkrisen von 1973/74 und 1979 die Nord-Süd-Beziehungen in der ersten Dekade „nach dem Boom“ wie Anselm Döring-Manteuffel und Lutz Raphael die Phase seit 1973 nennen? Wie wirkten sie sich wirtschaftlich, finanziell und gesellschaftlich auf den ‚globalen Süden‘ bzw. auf verschiedene Länder und Regionen des Südens aus? Verschafften sie dem Süden international tatsächlich das nötige Gewicht, um die alte Weltwirtschaftsordnung ins Wanken zu  bringen? Löste sich mit der nun verstärkt einsetzenden ungleichen Einkommensentwicklung zwischen Öl-Ex- und Importeuren des Südens die viel beschworene Solidarität der ‚Dritten Welt‘, der „Geist von Bandung“, auf? Diese Fragen, die ebenso wie Fragen nach der Bedeutung der Ölkrisen für den globalen Süden und die Nord-Süd-Beziehungen in den 1970er-Jahren in der historischen Forschung bisher kaum Beachtung gefunden haben, sollen im Zentrum des hier skizzierten Habilitationsprojektes stehen. Sie werden mit speziellem Fokus auf Sambia untersucht, das als aktives Mitglied der Blockfreienbewegung, und wirtschaftlich massiv von den Ölkrisen beeinträchtigt, ein besonders lohnendes Untersuchungsobjekt darstellt. Das Projekt integriert somit Themen der internationalen, der Wirtschafts-, und der Nationalgeschichte eines afrikanischen Landes zu einem globalhistorischen Ansatz, der makro- und mikrohistorische Gegenstände, die sonst nur getrennt betrachtet werden, miteinander in Beziehung setzt. So soll die weitgehend eurozentrische Erforschung der Ölkrisen erweitert und gleichzeitig ein Impuls für die Erforschung der Nord-Südbeziehungen gesetzt werden. Die Ölkrisen waren globale Ereignisse. Sie bedürfen eines globalen Analyserahmens.