Objekt des Monats April 2018

Das Krönungsei von Fabergé (1897)

Krönungsei von Fabergé © Faberge Museum

Am Ostermorgen kam es im Palast der russischen Zarenfamilie zu einem einmaligen Schauspiel. 1600 Bedienstete defilierten an Alexander III. vorbei, der allen die Wangen küsste und ein Osterei überreichen ließ. Höhe Ränge erhielten eines aus Email mit Edelsteinen verziert, die niedrigeren eines aus Porzellan. Seiner Gattin, der Zarin Maria Fjodorovna, schenkte der Zar ein Ei aus Gold, in dessen Innerem eine Henne auf goldenem Stroh saß.

Mit diesen Ostereiern aus der Werkstatt des russisch-französischen Goldschmiedemeisters Carl Fabergé begründete Alexander III. im Jahr 1885 eine Tradition, die einen frühneuzeitlichen russischen Brauch neu aufgriff. Seit dem 17. Jahrhundert gaben sich Russen zu Ostern geschmückte Eier und tauschten drei Küsse. Je nach sozialen Status wurden statt gewöhnlicher Hühnereiner zunehmend symbolische Eier aus Holz, Porzellan, Glas oder Metall verschenkt - oder eben aus Gold wie seit 1885. Das letzte Zaren-Ei gestaltete Fabergé vor dem Hintergrund des Weltkriegs deutlich schlichter aus karelischer Birke – die Auslieferung an „Herrn Nikolai Alexandrowitsch Romanow“ im März 1917 erlaubten die Bolschewiki ihm nicht mehr. Vielmehr ließ Lenin die rund 50 Eier, die Fabergé für die kaiserliche Familie und reiche Privatpersonen entworfen hatte, konfiszieren. Als Stalin 1928 für seinen ersten Fünfjahres-Plan Devisen brauchte, verkaufte er einen Großteil an westliche Kunsthändler; Kulturbeamte, die gegen den Ausverkauf protestierten, wurden als Konterrevolutionäre umgebracht.

Das goldene Krönungs-Ei, welches die Homepage des Historischen Institutes Rostock hier vorstellt, überreichte Zar Nikolaus II seiner deutschen Gattin Alexandra zu Ostern 1897. Es misst etwa 12,6 cm Länge. Die Überraschung im Inneren ist typisch für das Markenzeichen der Fabergé-Eier: die technische Perfektion des Inhalts. Im Inneren des Krönungseis befindet sich ein Miniaturmodell der Kutsche, in der das russische Zarenpaar nach der Krönung 1896 durch Moskau fuhr. Die Detailtreue geht so weit, dass sich beim Öffnen der Kutsche ein kleiner Fußsteig ausfaltet. Das Krönungs-Ei befindet sich derzeit in der Sammlung des russischen Oligarchen Wiktor Wekselberg in London.

Der historische Hintergrund der Krönung von 1896, die das Ei verherrlicht, zeigt jedoch die Ambivalenz imperialer Herrschaft. Die russische Dynastie ähnlich wie meisten europäischen Monarchen, antwortete auf die Empfänglichkeit der Massen für den Nationalismus mit vergleichbaren Mitteln. Auch Nikolaus II wollte seine Krönung als populäres Massenfest gestalten, zu dem riesige Bevölkerungsgruppen aus dem ganzen Reich eingeladen wurden. Doch die Erinnerung, welche die Bevölkerung mit der Krönung 1896 verband, war nicht die an prunkvolle Zeremonien und tagelange Freikost. Vielmehr waren es die vielen Toten auf dem Kodynka-Feld, die eine Massenpanik direkt nach der Krönung ausgelöst hatte. Mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und Fehleinschätzungen durch die Moskauer Polizei hatten dazu geführt, dass über tausend Menschen ums Leben kamen. Das Ereignis veränderte die Stimmung gegenüber dem neuen Herrscherpaar markant, dessen Intention gerade die Einbeziehung großer Bevölkerungsgruppen gewesen war. Die große Distanz zum Volk, welche die Macht der russischen Monarchie zu Beginn des Jahrhunderts begründet hatte, wurde am Ende des Jahrhunderts gegen eine Nähe eingetauscht, die eben diese Macht nicht mehr gewährleisten konnte.

Eine Dokumentation von arte „Fabergé – Ostereier für den Zaren“ (2008) zeigt die Geschichte der zarischen Eier: https://www.youtube.com/watch?v=ogO07DcoklQ

(Text: Prof. Dr. Ulrike v. Hirschhausen)