Objekt des Monats April 2019

Akte BStU, MfS, BV Rostock, Abteilung IX, Nr. 200, Bl. 10

 Akte BStU, MfS, BV Rostock, Abteilung IX, Nr. 200, Bl. 10
Akte BStU, MfS, BV Rostock, Abteilung IX, Nr. 200, Bl. 10

Zwischen dem „Mauerbau“ 1961 und dem „Mauerfall“ 1989 versuchten rund 5600 Menschen über die Ostsee aus der DDR zu fliehen. Zirka 4500 gerieten dabei in die Fänge der Grenzbrigade Küste, der Volksmarine, der Volkspolizei und nicht zuletzt der Stasi. Das SED-Regime wollte unter allen Umständen Fluchten aus der DDR unterbinden, auch mit Gewalt. Sein „Schild und Schwert“, das Ministerium für Staatssicherheit, war dabei das wichtigste Erfüllungsorgan. Viele abgefangene Ostseeflüchtlinge kamen in die Untersuchungshaftanstalt des MfS nach Rostock in den Grünen Weg und wurden hier in der Regel monatelang zu ihrer versuchten Flucht und möglichen Mitwissern verhört, um die Prozesse vorzubereiten. Bis 1968 nutzten die Gerichte Paragraph 8 des Passgesetzes, um Flüchtlinge zu bestrafen. Mit der Einführung des Strafgesetzbuches 1968 verurteilte man sie nach Paragraph 213 wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“. Bei „leichten Fällen“ konnten Geldstrafen oder bis zu zwei Jahren Freiheitsentzug verhängt werden. Bei Ostseefluchten nahmen die Gerichte jedoch meist „schwere Fälle“ an, wofür das DDR-Recht Strafen von bis zu acht Jahren Freiheitsentzug vorsah.

Das MfS wandte viel Energie auf, die versuchten, aber auch die erfolgreichen Fluchten aus der DDR aufzuklären. Zum einen wollte es die „Täter“ und Mitwisser bestrafen lassen und damit auch Nachahmer abschrecken, zum anderen mögliche Lücken in der sehr massiven, vor allem nach innen gerichteten Abschottung erkennen und schließen. Daher sind MfS-Akten zu Fluchtfällen relativ umfangreich und beinhalten zahlreiche Verhörprotokolle, Zeugenvernehmungen, Beurteilungen, Täter- und Tatanalysen. Zu den Tatdokumentationen gehörten oft fotografische Darstellungen des Fluchtorts und der Fluchtfahrzeuge.

In den 1980er Jahren legten Mitarbeiter der Abteilung IX der Bezirksverwaltung Rostock, des „Untersuchungsorgans“ des MfS, eine spezielle Akte (BStU, MfS, BV Rostock, Abt. IX, Nr. 200) an – zu besonders spektakulären, aber auch typischen Ostseefluchten. Die Verhöroffiziere zwangen die festgenommenen Flüchtlinge, mit ihren Fluchtmitteln zu posieren und fotografierten dies meistens in der „Schleuse“ der MfS-Untersuchungshaftanstalt. Diese Akte, die wie eine Trophäensammlung anmutet, enthält nicht nur diese „Beweisfotos“, sondern auch kurze Beschreibungen der Tat. Was hierin meist nicht gespiegelt wurde, sind die Fluchtursachen – so auch in dem vorliegenden Dokument, das einen Fluchtfall aus Rostock-Warnemünde vom September 1987 darstellt.

Nähere Informationen zu dieser Flucht ergeben sich erst aus dem umfangreichen Archivierten Untersuchungsvorgang zum Fall. Hieraus geht hervor, dass der abgebildete Mann aus Rostock zuvor erfolglos versucht hatte, unter Verweis auf internationales Recht legal aus der DDR auszureisen. Seine Anträge beschied jedoch die Abteilung Inneres des Rates der Stadt abschlägig und teilte ihm mit, er habe kein Recht auszureisen.

Daher setzte er alles auf eine Karte und entschloss sich zur Flucht über die Ostsee. Des Nachts landete er in der Nähe des „Teepotts“ ab, wo er schon tagsüber einige Sachen deponiert hatte. Trotz intensiver Überwachung des Strandes durch Streifen der Grenzbrigade Küste und engmaschiger Kontrolle auf See durch Boote ebendieser und der Volksmarine gelang es ihm, mit seinen schwarz angemalten Segeln unbemerkt durch den unsichtbaren „eisernen Vorhang“ hindurchzuschlüpfen. Nachdem er einige Seemeilen bewältigt hatte, schlug jedoch das Wetter um. Sein kleines Faltboot vom Typ „Kolibri“ war der zunehmend schweren See nicht gewachsen. In Angst um sein Leben sah er sich gezwungen, das nächste Schiff anzulaufen – leider einen sowjetischen Frachter. Dessen Crew rettete ihn zwar aus der Seenot, übergab ihn aber natürlich den befreundeten DDR-Grenzorganen.

Warum floh der Mann und setzte damit sein Leben aufs Spiel? In den nachfolgenden Verhören durch das MfS sagte er aus, dass er seit 1980 seine „bis dahin vorhandenen Hoffnungen auf deutlich spürbare Veränderungen, vor allem im Demokratisierungsprozeß der Gesellschaft, verloren“ habe. Weiterhin äußerte er, dass durch mangelnde persönliche Freiheit, zunehmende Militarisierung und die SED-Medienpolitik „unerträgliche Zustände“ erreicht seien. Der Flüchtling wurde jedoch wider Erwarten und als einer von sehr wenigen nicht verurteilt. Ihm kam eine Amnestie, erlassen im Kontext des BRD-Besuches von SED-Chef Erich Honecker, zu Gute. Ende 1987 konnte er nach einigen Monaten Untersuchungshaft das Gefängnis verlassen.