Objekt des Monats April 2020

Doctor Kotnis in China

Das Comic Doctor Kotnis in China erschien 1984 in der Comicbuch Serie Amar Chitra Katha. Die Hefte aus dieser bekannten indischen Reihe wurden gewöhnlich in englischer Sprache aufgelegt und dann ins Hindi und gelegentlich in weitere regionale indische Sprachen übersetzt. Sie thematisierten historische, mythologische und folkloristische Gegebenheiten sowie indische Persönlichkeiten.

Das Heft Doctor Kotnis in China erzählt die auf historischen Tatsachen beruhende Geschichte des indischen Arztes Dwarkanath Shantaram Kotnis (1910–1942). Dieser leistete mit der Indian Medical Mission humanitäre Hilfe in China während des Zweiten Chinesisch-Japanischen Krieges. Nach Ausbruch des Krieges 1937 hatte sich die vom Indischen Nationalkongress geführte Unabhängigkeitsbewegung mit China solidarisiert und Japans Vorgehen als imperialistische Aggression verurteilt. Der Nationalkongress – angeführt in dieser Frage von Jawaharlal Nehru – forderte die indische Öffentlichkeit auf, als Zeichen ihrer Solidarität japanische Waren zu boykottieren. Vor dem Hintergrund direkter chinesischer und internationaler Hilfsappelle, z. B. von John Dewey, Albert Einstein, Bertrand Russel und Romain Rolland, entschied sich der Indische Nationalkongress wenig später die indische Unterstützung für China auszuweiten. Der Kongress begann Geld in einem China Relief Fund zu sammeln, um medizinische Hilfe gewähren zu können. Im Sommer 1938 waren mit 30.000 Rupien vorerst genügend Spenden eingegangen, um einen voll ausgestatteten Ambulanzwagen, medizinische Güter und fünf indische Ärzte für ein Jahr nach China zu schicken. Die Auswahl der Missionsteilnehmer zeigt, wie weit verbreitet die Idee nationalistischer humanitärer Hilfe zu diesem Zeitpunkt war. Denn für die fünf Positionen hatte das Organisationskomitee des Indischen Nationalkongress mehr als 700 Bewerbungen nicht nur aus Indien, sondern auch aus der indischen Diaspora in Ostafrika, Mauritius, Syrien und Großbritannien erhalten.

Die Mission, zu der eben auch Kotnis gehörte, brach im September 1938 in Bombay auf und gelangte Anfang 1939 nach Yan’an, dem Kriegssitz der chinesischen Kommunisten. Hier trafen die Angehörigen der indischen Mission Mao Tse-tung und begannen ihre Arbeit in verschiedenen Krankenhäusern. Obgleich ursprünglich der Aufenthalt der Mission in China für ein Jahr angesetzt gewesen war, kehrten nur zwei Mitglieder bereits 1939 nach Indien zurück, während der letzte indische Arzt, Bijoy Kumar Basu, bis 1943 in Yan’an blieb. Dwarkanath Kotnis, der heutzutage in China und Indien vorrangig erinnert wird, leitete das Bethune International Peace Hospital und starb in China Ende 1942 an Epilepsie.

Während das Vermächtnis der indischen medizinischen Mission in den bilateralen Beziehungen Chinas und Indiens bis heute eine Rolle spielt – chinesische Politiker sind oftmals daran interessiert, Kotnis Elternhaus in Sholapur in Westindien zu besuchen – wurde die langfristige Wirkung und damit der Nutzen dieses humanitären Projektes unterschiedlich eingeschätzt. Für den Indischen Nationalkongress war die Hilfeleitung nicht nur eine moralische Pflicht, sondern auch mit außenpolitischen Erwägungen verbunden. Die Entsendung der Mission ermöglichte es nämlich, sich gegen Faschismus und Imperialismus einerseits, sowie gleichzeitig für Freiheit und Demokratie andererseits zu positionieren und letzteres auch für das kolonial abhängige Indien einzufordern. Humanitäre Hilfeleistungen waren also eng mit indischem Nationalismus verbunden. Diese Verbindung lockerte sich allerdings im Zeitverlauf. In den 1980er Jahren, als eine Generation indischer Kinder mit dem Comic aufwuchs, erfuhr sie vor allem die Geschichte von Dwarknath Kotnis: eine Geschichte, die menschliche Hilfsbereitschaft zu Kriegszeiten in den Vordergrund stellt.

 

(Text: Dr. Maria Framke, Habilitandin am Historischen Institut der Universität Rostock)