Objekt des Monats Februar 2018

Grabmonument Widukinds in der Stiftskirche zu Enger

Bild: Nadine Holzmeier
Bild: Nadine Holzmeier

Widukind ist bis heute ein wichtiger Bestandteil westfälischer und teilweise auch niedersächsischer Erinnerungskultur. So schmückt sich der Kreis Herford und seine Touristikgemeinschaft heute mit dem Titel „Wittekindsland“ und Widukind ist weder aus den Straßennamen noch aus der Namenswahl örtlicher Geschäftsleute wegzudenken. Die Zeile „Heil Herzog Wittekinds Stamm…“ im Refrain des Anfang des 20. Jh. entstandenen Niedersachsenliedes stellt diesen Bezug ebenso her. Der Weg vom widerständigen Helden zum „Markenbotschafter“ diverser Stadtmarketingkonzepte in der westfälischen Provinz wirkt zwar auf den ersten Blick ein wenig skurril, zeigt jedoch die bis heute währende Verankerung einer historischen Figur im kulturellen Gedächtnis und Selbstverständnis einer Region.

Aber wer war Widukind, den das überlebensgroße, figürliche Relief auf der Oberseite in der Apsis der Stiftskirche zu Enger zeigen soll? Als Gegner Karls des Großen in den Sachsenkriegen findet der sächsische Adlige Erwähnung in den fränkischen Reichsannalen. Zwischen 772 und 785 wird dort von erbitterten Kämpfen zwischen Franken und Sachsen berichtet und Widukind als Anführer der sächsischen Aufstände gegen die Franken genannt. Ob die Stiftskirche zu Enger wirklich die letzte Ruhestätte Widukinds ist, ist umstritten, jedoch ist das Sandsteinrelief ein steinernes Zeugnis für eine bereits im Mittelalter einsetzende Verehrung des Sachsenherzogs. Kunsthistorisch datiert in die Zeit um 1100, gehört es zu den frühesten großplastischen Werken in Deutschland. Das Relief zeigt einen jungen Mann im Herrscherornat, mit einer Spangenkrone und einem Lilienzepter in der vom Gewand teilweise verhüllten linken Hand, die rechte Hand wie zum Segensgestus erhoben. Insignien und Gestus lassen Widukind sowohl königlich als auch christlich erscheinen. König war er jedoch nie, Christ wurde er erst spät: nach seiner Unterwerfung im Jahre 785 ließ er sich in der Königspfalz Attigny taufen. Das Grabmal zeugt von einer bis ins Mittelalter zurückreichenden Idealisierung und mythischen Verehrung und war zeitweise sogar Wallfahrtsort. Im Fokus dieser frühen Verehrungsphase stand dabei die Förderung des Christentums, weniger sein Widerstand gegen den Frankenkönig Karl.

Im 19. Jh. wurde hingegen das Element des Widerstands betont als Widukind, neben Barbarossa im Kyffhäuser oder Arminius, Teil eines national aufgeladenen Mythenschatzes wurde. Dieses Motiv findet sich auch in der Widukindrezeption des Nationalsozialsozialismus. Widukind war zunächst gut geeignet, die ideologische Programmatik anschaulich zu verkörpern. Das kollektive „Erinnern“ an einen starken und widerständigen Stammvater wurde in Enger aktiv betrieben und bekam die zusätzliche Komponente des heidnisch-germanischen Widerstandes gegen das aufgezwungene Christentum. Auf der Suche nach den „germanischen“ Wurzeln schuf besonders die pseudowissenschaftliche SS-Organisation „NS-Ahnenerbe“ Erinnerungsorte, an denen die völkisch-germanische Ideologie erfahrbar gemacht und identitätsstiftend wirken sollte. 1939 wurde so in Enger eine Gedenkstätte eingeweiht, welche den Widukindmythos entsprechend aufbereitete und durch die Verbindung mit vorhandenem regionalem Brauchtum zu verankern suchte. Der „Held“ Widukind hat im Verlauf der Zeit also offensichtlich verschiedene Deutungen erfahren, das Grabmonument mit seinem Relief zeugt dabei von der frühesten bekannten Verehrungsphase im Hochmittelalter.

 

(Text: Dr. des. Nadine Holzmeier)