Objekt des Monats Februar 2021

Filzhut aus Biberhaar

© Göran Schmidt, Livrustkammaren. Die breite Krempe konnte beliebig geformt werden und galt daher auch als „Stimmungsbarometer“ des Trägers. Häufig wurden Filzhüte aus Biberhaar mit Federn und Bändern geschmückt. Dieses Exemplar von 1647 diente als Prototyp für die Ausstattung der Hofgarde der schwedischen Königin Christina und trägt die Aufschrift „Prof Hatt för Drottning Christina Hof Guarde”.

Im Mittelalter galt das Tragen von Hüten als Merkmal des ständisch höhergestellten, freien Mannes. Spätestens seit dem Ende des 16. Jahrhunderts gehörte der Hut jedoch zur verbindlichen Etikette bzw. zum Bekleidungsstandard der europäischen Gesellschaften. Neben seinem funktionellen Charakter zentrierten sich insbesondere Symbolisierungsprozesse und soziale Praktiken um die modisch variierende Kopfbedeckung. So kam dem Haupt als Ort männlicher Autorität, Repräsentation und Ehre ein herausragender Stellenwert im frühneuzeitlichen Körperbild zu. Hüte fungierten deshalb auch als Vehikel der Gebärdensprache und nonverbalen Kommunikation. Bei sachgerechter Handhabung ermöglichten sie es ihren Trägern Respektsbezeugung aller Art, Unterwürfigkeit, Flehen aber auch Aggression und Protest Ausdruck zu verleihen. Das Entblößen des Kopfes als Geste der Ehrerbietung perpetuierte sich in sprachlichen Metaphern wie „Hut ab/den Hut ziehen“. Aber auch Redewendungen wie z. B. „klein mit Hut“, „den Hut aufhaben“, „alles unter einen Hut bringen“ oder selbigen „an den Nagel hängen“, fanden Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch.

Darüber hinaus konnte ein Hut nicht nur die physische Gestalt seines Trägers erhöhen. In der hierarchischen und primär durch Ungleichheit gekennzeichneten Gesellschaft der Frühen Neuzeit erhob ein Hut seinen Besitzer auch symbolisch und verlieh dessen Standeszugehörigkeit, also seiner gesellschaftlichen Stellung respektive seines Anspruchs darauf, Geltung. Als weithin sichtbarer Alltagsgegenstand und Statussymbol, den Bürgerliche wie Adlige im selben Maße nutzten, verbreiterte sich im Verlauf des 17. Jahrhunderts die Krempe der Hüte und ihre Krone wuchs zunehmend. Im Wettbewerb um soziale Anerkennung und Distinktion konnten sich die Träger der, auch als Puritaner- oder Holländerhut bezeichneten Kopfbedeckung, jedoch insbesondere aufgrund deren unterschiedlicher Qualität und Verarbeitung absetzen. Breite Bevölkerungsschichten mussten sich mit Hüten aus Schafswolle oder einfachen Filz, welcher beispielsweise aus Kaninchenfell gewonnen wurde, begnügen. Qualitativ hochwertige Hüte hingegen wurden aus Biberhaar hergestellt. Das Unterfell des Nagetiers – lateinisch Castor – eignet sich hervorragend für die Herstellung feiner, elastischer, vor Wärme und Kälte isolierender sowie nichtbrennbarer Filzhüte von enormer Langlebigkeit und luxuriösem Glanz. Da diese nicht nur zur Ausstattung und Uniformierung der ersten stehenden Heere gehörten, sondern bald auch die Köpfe der Frauen und Kinder zierten, stieg der Bedarf an Biberpelz rasch. Infolge der Kultivierung und Trockenlegung der europäischen Böden und einer entsprechenden Bejagung existierten auf dem Kontinent um 1600 jedoch kaum noch Biber.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gelang es erstmals vorrangig Holländern und Franzosen, später auch Engländern, entlang der nordamerikanischen Ostküste, dauerhafte Stützpunkte zu etablieren. Bei der indigenen Urbevölkerung tauschten die Händler primär Biberpelze für die Hutproduktion gegen europäische Fertigwaren ein. Der Kontakt mit der alten Welt hatte massive Auswirkung auf die Kultur der First Nations und Native Americans. Deren bereits untereinander bestehenden Rivalitäten dramatisierten sich im weiteren Verlauf und eskalierten infolge des Eingreifens der Europäer, die ihrerseits um den Zugang zum lukrativen Pelzhandel konkurrierten, in den sogenannten Biberkriegen (1640-1701). Als schließlich Mitte des 19. Jahrhunderts der aus Seide gefertigte Zylinder aufkam, verdrängte er schlagartig den Kastorhut. Der sinkende Bedarf an Pelz und entsprechende Schutzmaßnahmen sorgten für die Regeneration des einst stark gefährdeten Biberbestands.

Das Objekt des Monats Februar, das 1647 für die Leibgarde der Königin Christina von Schweden gefertigt wurde, erinnert uns heute an die erste wirtschaftliche Nutzung des nordamerikanischen Kontinents durch Europäer und dessen Folgen.

(Text: Jakob Kotlowski, Historisches Institut)