Objekt des Monats Juli 2018

Ein Adelsbegräbnis in der DDR – Freda Gräfin von Schwerin (†1957)

Am äußeren Rand des rechteckigen Begräbnisplatzes des Dorfes Stolpe auf Usedom steht ein unscheinbarer Stein, in den der Name Freda Gräfin von Schwerin, geborene von Kleist gemeißelt ist. Der schlichte Stein unterscheidet sich nicht von den übrigen Gräbern des Stolper Friedhofs und gibt keinerlei Hinweis auf die tumultartigen Umstände seiner Aufstellung im Jahr 1957.

Anlass der Unruhen in Stolpe im Jahr 1957 war die Rückkehr der ehemaligen Gutsherrin Freda Gräfin von Schwerin. Nach der Bodenreform 1945 musste sie ihren Besitz verlassen und hatte seither in der Nähe von Lüneburg gelebt. Zurück nach Stolpe kehrte die 1872 geborene Gräfin Schwerin nicht als vitale und aufbegehrende Alteigentümerin, sondern als stumme, demütige, ehemalige Einwohnerin des Dorfes – in einem Sarg. Der Wunsch der am 14. März 1957 in Deutsch-Evern bei Lüneburg Verstorbenen, in Stolpe ihre letzte Ruhe zu finden, wurde von ihrer Familie unterstützt und stellte aus Sicht der Angehörigen keine Provokation dar. Doch wie sich zeigen sollte, wurde dies von Seiten der örtlichen SED-Funktionäre ganz anders aufgefasst. Der Aufruhr, der um diesen Anlass in den nachfolgenden Wochen entstand, wurde von Helmut Sakowski einige Jahre später wie folgt kommentiert: „[…] als wolle ein armes totes Weiblein an den Grundfesten des sozialistischen Staates rütteln“.

Die Überführung des Sarges aus der Bundesrepublik zum Pastorat nach Stolpe verlief ohne größere Schwierigkeiten, erst die Beerdigung und die Beteiligung der Dorfbevölkerung am Trauerkondukt beunruhigte die örtlichen Parteifunktionäre massiv. Die Ostsee-Zeitung wurde von den bevorstehenden Ereignissen informiert. Chefredakteur Theo Fettin (1919–1989) und ein Pressefotograf reisten am Beerdigungstag nach Stolpe um die Trauergäste namentlich und bildlich zu dokumentieren. Die Anwesenden umflorte somit nicht nur Trauer, sondern zudem auch Selbstbewusstsein. Letzteres mag sie gewiss gewappnet haben vor der diffamierenden Veröffentlichung ihrer Namen und Gesichter wenige Tage nach der Beerdigung in der Ostseezeitung.

Die Begräbnisfeier der ehemaligen Gutsherrin bedeutete für die SED-Funktionäre eine politische Machtdemonstration im Dorf. Beunruhigend erschien die Präsenz der verstorbenen Adeligen deshalb, weil die Verbindung zwischen Gutsherrin, Gutsland und örtlicher Bevölkerung durch ihre Enteignung und ihren Fortgang nicht gänzlich zerbrochen war. Die Bestattung der verstorbenen Gutsbesitzerin offenbarte die fortbestehende Kontinuität persönlicher Beziehungen und Loyalitäten zwischen ihr und der Dorfbevölkerung und stellte somit das offizielle Bild der „feudalen“, an der ökonomischen Ausbeutung ihrer Bauern interessierten Gutsherrin markant in Frage.

Das Begräbnis von Freda Gräfin von Schwerin war kein Einzelfall. Wiederholt finden sich in den 1950er und 1960er Jahren Anfragen aus der Bundesrepublik an Friedhofsverwaltungen und Kirchgemeinden in der DDR mit der Bitte, den enteigneten Gutsherren oder einem Familienmitglied, an seinem Heimatort begraben zu können. Zur Vermeidung von Loyalitätsbekundungen seitens der Bevölkerung wurden Anfragen ehemaliger Gutsbesitzerfamilien oftmals abgewiesen. 

Offenbar sollte die Stolper Pressekampagne abschreckend auf die in der Bundesrepublik lebenden, ehemaligen Gutsherren wirken. Wahrgenommen wurden die Ereignisse in Stolpe von zahlreichen adligen Familien in der Bundesrepublik allemal. Zeitungsausschnitte in Familienarchiven oder die Erwähnung in Rundschreiben sprechen dafür. Dennoch gelang es vielen adligen Familien, die seit 1945 im Westen lebten, den Wunsch ihrer verstorbenen Angehörigen zu erfüllen, zumal die Mehrzahl der ländlichen Friedhöfe weiterhin im Eigentum der Kirchen stand. Begräbnisse Adliger auf ihren ehemaligen Gütern zwischen 1945 und 1989 tendierten, je nach Standpunkt des Betrachters, zwischen Tradition und Provokation. Der Wunsch der verstorbenen Freda Gräfin von Schwerin in Stolpe begraben zu werden, demonstrierte neben ihrer persönlichen Verbundenheit mit dem ehemaligen Gut auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Familie vor Ort – ungeachtet der Enteignung im Zuge der Bodenreform. Der schlichte Stein auf dem Stolper Friedhof verweist mithin einerseits auf das Bedürfnis der enteigneten Familien, Erinnerungszeichen in der ehemaligen Heimat zu schaffen und zeigt andererseits, wie sehr die SED die Infragestellung ihres Führungsanspruchs auf dem Land fürchtete.

(Text und Foto: Jakob Schwichtenberg, Doktorand am Historischen Institut)