Objekt des Monats März 2018

Zugschild des internationalen Express „Neptun“

Zugschild des internationalen Schnellzuges „Neptun“, 1992, Weißblech, Foto: Kulturhistorisches Museum

Der internationale Expresszug „Neptun“ fuhr von 1964 bis 1992 täglich zwischen Berlin und Kopenhagen mit Zwischenstopp in Rostock und Warnemünde. Er war einer der modernsten Züge der DDR und ein zentrales Bindeglied im europäischen Bahnnetz des 20. Jahrhunderts, verband er doch Skandinavien über Berlin mit den Staaten Ost- und Südosteuropas.

Auch politisch war der Zug als deutsch-dänisches Kooperationsprojekt in Zeiten des Kalten Krieges eine Besonderheit. Da es auf deutscher Seite an geeigneten Schiffen und Infrastruktur fehlte, wurden die Fährverbindungen über die Ostsee in den 1950iger zunächst von Dänemark und Schweden aufrechterhalten. Durch die Einrichtung der sogenannten Vogelfluglinie, einer Fährverbindung zwischen dem westdeutschen Großenbrode und dem dänischen Gedser, sah sich die DDR unter Zugzwang. Man fürchtete einen Bedeutungsverlust der ostdeutschen Ostseehäfen und damit den Wegfall sowohl von Devisen als auch von politischem Einfluss in Skandinavien. Am 6. Dezember 1961, also wenige Monate nach dem Mauerbau, trafen das Ministerium für Verkehrswesen der DDR und das Ministerium für öffentliche Angelegenheiten des Königreichs Dänemark die Vereinbarung, die Linie Warnemünde-Gedser und die entsprechenden Zugverbindungen zukünftig gemeinsam zu betreiben.

Die Strecke Berlin-Kopenhagen hatte indes eine lange Tradition. Bereits 1886 ermöglichte der „Norddeutsche Loyd“ eine erste Bahnverbindung zwischen den beiden europäischen Hauptstädten. 1903 wurden in Warnemünde und Gedser schließlich moderne Fähranleger errichtet und die erste Eisenbahnfährverbindung zwischen Deutschland und Skandinavien eingeweiht. In der Rostocker Zeitung hieß es dazu: „Für den Hafen und Seebadeort Warnemünde wird mit der Vollendung des Dampffährprojektes eine neue Ära anbrechen. Der Ort ragt aus der Zahl der kleinen Ostseehäfen hervor und wird zum Ausgangspunkt eines internationalen Verkehrsstromes“.

Tatsächlich stellten sich die Fähren als äußert profitabel heraus und der Personen- und Güterverkehr wuchs, lediglich durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen, stetig an. Die modernen Eisenbahnfähren machten Rostock in den 20iger Jahren nicht nur zu einer wichtigen Station des internationalen Bahnverkehrs sondern wurden auch von den Rostockern und den Touristen in Warnemünde in großem Maße für Tagesausflüge nach Gedser wahrgenommen. Die Fährverbindung hatte sich in vielfacher Hinsicht als erfolgreicher Brückenschlag über die Ostsee erwiesen.

Das von ostdeutscher Seite betriebene Wiederaufleben dieser zentralen europäischen Bahnlinie stand nach dem Mauerbau allerdings unter vollkommen veränderten Vorzeichen. In den Zügen saßen kaum DDR Bürger, die Schnelltriebwagen waren für den Binnenverkehr gesperrt und kamen auch in den Kursbüchern der DDR nicht mehr vor. Auf der Fahrt von Berlin nach Kopenhagen stiegen in Rostock Mitarbeiter der Staatssicherheit zu und führten umfangreiche Kontrollen der Passagiere und der Zugabteile durch. Der Bahnsteig 4 im Bahnhof Warnemünde, auf dem man die Waggons bis zur Verladung auf die Fähre bewachte, war mit Sichtblenden, Postentürmen und Hundezwingern unverkennbarer Teil der DDR-Außengrenze. Für die Rostocker blieben die Eisenbahnfähren zwar Teil des Stadtbildes, deren Ziel aber, das nahe Gedser, waren für sie unerreichbar. Mit dem Mauerfall standen die Eisenbahnfähren zwar wieder jedem offen, konnten sich aber im Zuge der Privatisierung nicht gegen die Konkurrenz der reinen Autofähren behaupten.

(Text: Ullrich Klein, M.A.)