Objekt des Monats Mai 2018

Silberstufe Nr. 4027

Akanthit (Silberglanz), St. Georg Fundgrube, Schneeberg, Erzgebirge, Sachsen, Fund 1477, Objektgröße 26,0 x 13,5 x 7,0 cm, Inv.-Nr. Min 4027 Sa MMG (Foto Archiv MMG Dresden) Senckenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden (SNSD), Museum für Mineralogie und Geologie (MMG).

Das Objekt des Monats entfaltet auf den ersten Blick einen eher spröden Charme. Um es dennoch zum Sprechen zu bringen, beginnen wir mit einem Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, das Objekt des Monats stamme vom Mond. Intuitiv würden wir in seinen Zerklüftungen nach einer besonderen, extraterrestrischen Aura suchen. Vielleicht würden auch Assoziationen an Neil Armstrong, Operation Iron Sky oder Peterchens Mondfahrt geweckt. In jedem Fall würden wir das Objekt mit anderen Augen betrachten. Nun handelt es sich bei dem Objekt des Monats nicht um ein Stück Mond, sondern um die heute in Dresden befindliche Silberstufe Nr. 4027, deren Geschichte jedoch nicht weniger abenteuerlich ist: Angeblich stammt dieser Brocken Silbererz aus der legendären Schneeberger Wunderstufe von 1477.

Im Zuge des Auffindens neuer Silbererzlagerstätten im sächsischen Erzgebirge, so die Legende, wurde in der St. Georg Fundgrube in Schneeberg ein gewaltiger, 400 Zentner schwerer Silberbrocken gefunden. Der Anbruch war dermaßen groß, dass Herzog Albrecht von Sachsen kurzerhand in die Grube einfuhr, um auf der Silberstufe ein reiches Gastmahl einzunehmen. Voller Begeisterung soll Albrecht ausgerufen haben: Kaiser Friedrich III. (HRR) war zwar ein mächtiger und reicher Kaiser, aber auf einem Tisch von purem Silber konnte er nicht speisen!

Die Geschichte ist erstmalig 1530 dokumentiert und war in der Frühen Neuzeit überaus populär: Sie zirkulierte in Bildern, Gedichten und montanwirtschaftlichen Abhandlungen auch über den Alpenrand hinweg. Der Mythos vom unterirdischen Festmahl war nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil er emblematisch für den schier unerschöpflichen Reichtum stand, den die Wettiner seit den 1470er Jahren aus ihren Bergwerken ziehen konnten. Im Laufe der Zeit wurde die Geschichte um zahlreiche Details angereichert und mit physischen Evidenzen belegt. Und hier kommt unser Objekt des Monats ins Spiel: In der kursächsischen Mineraliensammlung, dem Berggemach, taucht 1640 erstmalig die Erzstufe auf. Laut Inventar lag in der fünften Schublade des dritten Schranks eine „stufe schwartz derb glaß erzt“. Während es sich zunächst noch um einen geschichtslosen Brocken Glanzerz handelte, bekam dieser durch den Bergrat und Leiter des Naturaliencabinets Christian Heinrich Eilenburg 1755 eine Geschichte: „Wer zu wissen begehret, wie der unterirdische Tisch, aus gewachsenem Silber gesehen hat, worauf ehedem der Herzog Albrecht, mit etlichen seiner Räthe, Tafel gehalten“, könne Nr. 4027 betrachten. Damit wurde der Grundstein gelegt für die weitere Rezeption der Erzstufe, die bis heute als Nachweis für die berühmte Episode verhandelt wird.

Ob diese Erzstufe tatsächlich von der Schneeberger Wunderstufe stammt, ob diese wirklich 400 Zentner gewogen hat und ob das Ereignis so überhaupt stattgefunden hat, wird in der Forschung kontrovers diskutiert und kann am Ende nicht entschieden werden. Die Untersuchung der Rezeptionsgeschichte hingegen ermöglicht einen spannenden Einblick in zeitgenössische Wahrnehmungen und Deutungsmuster von Rohstoffen. Denn so trivial es auch klingen mag: Ob ein Metall als edel oder hochwertig angesehen und damit als abbauwürdig eingestuft wurde, ergibt sich nicht aus seinen chemisch-physikalischen Bedingungen. Es ist die Rahmung, die einem Brocken Silbererz seine kulturelle Bedeutung zumisst: Durch die Präsentation in der mineralogischen Sammlung und die Anbindung an eine geschichtliche Tradition wurde die Stufe im Laufe der Frühen Neuzeit in einen größeren Sinn- und Deutungshorizont eingebettet. Und hier schließt sich assoziativ der Bogen zu unserem Gedankenexperiment. Nach einer populären Vorstellung in der Frühen Neuzeit gab es eine enge Verbindung zwischen dem Wachsen von Metallen, ihren Eigenschaften und den bis dahin bekannten Planeten. Das kosmische Pendant zum Silber war nichts anderes als der Mond.

Weiterführende Literatur: Thalheim, Klaus: Das Silber von 1477 in der Sammlung des Museums für Mineralogie und Geologie Dresden, in: Rundbrief des Agricola-Forschungszentrums Chemnitz (Schloßberg-Museum), 2012, S. 6-14.

(Text: Dr. Franziska Neumann)