Objekt des Monats November 2018

Kalenderblatt 11. November 1918 - Józef Piłsudski und die Gründung der Zweiten Polnischen Republik

Am 8. November 1918 begibt sich Harry Graf Kessler im Auftrag des Auswärtigen Amtes in die Festung Magdeburg. Dort ist der hochrangige Militär und führende polnische Politiker Józef Piłsudski inhaftiert, den Kessler aus seiner Zeit während der deutschen Besatzung in Warschau kannte. Piłsudski hatte mit seinen polnischen Legionen auf Seiten der Mittelmächte gekämpft und sich dadurch eine Unterstützung bei der Wiederherstellung der 1795 zerschlagenen polnischen Staatlichkeit erhofft. Schwer enttäuscht von den nur halbherzigen Zusagen Deutschlands und Österreichs in der Kaiserlichen Erklärung vom 5. November 1916, verweigerte er sich der weiteren Zusammenarbeit und wurde daraufhin in Magdeburg festgesetzt.

Als Kessler nach Magdeburg fuhr, hatte sich der deutsche Generalstab bereits für die Anerkennung des 14-Punkte Programms des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson entschlossen, das in seinem Punkt 13 die Wiederherstellung des polnischen Staates forderte. Was Kessler mit Piłsudski besprach, ist im Einzelnen nicht überliefert, höchstwahrscheinlich wollte er jedoch Einfluss auf die Haltung Piłsudskis zu den auszuhandelnden Friedensbedingungen nehmen. Der deutschen Seite war klar, dass Piłsudski im zukünftigen polnischen Staat eine, wenn nicht die zentrale Rolle spielen wird und man ging immer noch von einigem Bewegungsspielraum in den Friedensverhandlungen aus, der für deutsch-polnische Vereinbarungen genutzt werden könnte. Einerseits hatte die nationalpolnische Bewegung keinen Zweifel daran gelassen, dass ein neuer polnischer Staat auf einem Territorium entstehen soll, das durch Deutschland weiter beansprucht wird, andererseits war bekannt, dass Piłsudski zu jenen politischen Kräften Polens zählte, deren territoriale Orientierung eher im Osten lag und er selber bisher keine Forderungen in dieser Hinsicht an Deutschland gestellt hatte.

Das Treffen in der Festung ging relativ ergebnislos zu Ende. Piłsudski wurde freigelassen und reiste mit seiner Entourage am 9. November nach Warschau, wo er am 11. November, dem offiziellen Gründungstag der sogenannten Zweiten Polnischen Republik, zum Staatschef ernannt wurde und als Marschall Polens vorerst die Geschicke des Landes führte. Jetzt vermied Piłsudski erst Recht jegliche Aussagen, die als ein Zugeständnis an den Kriegsverlierer Deutschland gewertet werden konnten. Das hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit sein politisches Schicksal besiegelt. Denn Piłsudski war keinesfalls ein Alleinherrscher. Ganz davon abgesehen, dass Polen als parlamentarische Republik mit einem breit gefächerten politischen Spektrum entstanden war, hatte er es mit starken politischen Gegnern zu tun, die nicht nur im Lande sehr einflussreich waren, sondern auch bei den Siegermächten als Partner, mehr noch als Piłsudski, Anerkennung genossen. So waren die Nationaldemokraten unter ihrem Führer Roman Dmowski in Entente-Kreisen fest etabliert und vermochten direkten Einfluss zu nehmen. Vor allem auch deshalb, weil Dmowski mit seiner stringent nationalstaatlichen Politik den Ordnungsvorstellungen der Siegermächte mehr entsprach als Piłsudski mit seinen Plänen einer Föderation im ostmitteleuropäischen Raum unter polnischer Führung. Auch waren die Nationaldemokraten traditionell antideutsch eingestellt und stimmten mit ihrer Haltung einer maximalen Schwächung Deutschlands vornehmlich mit Frankreich überein. Piłsudski äusserte sich nicht zu den Grenzfragen im Westen und überließ deren Regelung den Siegermächten, abgesehen von einzelnen territorialen Vorfestlegungen durch militärische Aktionen, wie in Posen.

Die territoriale Fixierung der polnischen Westgrenze erfolgte durch den Versailler Vertrag und darin anberaumten Volksabstimmungen. Das daraus resultierende Problem einer deutschen Minderheit wurde in der Weimarer Republik Hauptansatzpunkt einer antipolnisch, auf Revision der Bestimmungen von Versailles ausgerichteten Aussenpolitik und ein wichtiger Bestandteil eines Antipolonismus. Im Osten hatte Piłsudski relativ freie Hand, da es hierzu kein Konzept der Siegermächte gab und im Krieg mit dem bolschewistischen Russland konnte 1920, wenn auch nur schwer, ein Sieg errungen werden. Der Frieden von Riga 1921 zwischen Sowjetrussland und Polen schuf dann einen Kompromiss, der einen Großteil der polnischen Ambitionen im Osten befriedigte. Am 15. März 1923 schließlich anerkannte der Völkerbund auch die bis dahin umstrittene polnische Grenze zur Tschechoslowakei. Formal war damit die Zweite Polnische Republik in die endgültige staatliche Souveränität entlassen, in der Praxis jedoch blieben das polnische Territorium und alle damit verbundenen Probleme ein sowohl innen- als auch aussenpolitisches Thema permanenter Streitigkeiten und beeinflusste die Entwicklung des modernen Polen in ganz entscheidendem Maße.

 

(Text: Prof. Dr. Ralph, Professor für Geschichte der Neuesten Zeit / Geschichte Osteuropas)