Objekt des Monats November 2019

„Die Mauer von Dassow“ Akte BStU, MfS, KD Grevesmühlen, Nr. 146.

Foto: BStU, MfS, KD Grevesmühlen, Nr. 146, Bd. 2, Bl. 11.

30 Jahre nach dem „Mauerfall“ ist die Öffnung der Grenzen zwischen der DDR und der Bundesrepublik wieder in aller Munde. Vielerorts finden Gedenkveranstaltungen statt und zahlreiche Medien beteiligen sich mit historischen Rückschauen. Häufig steht hierbei jedoch der 9. November 1989 in Berlin im Mittelpunkt und weniger in der vermeintlichen Provinz. Schon am selben Abend öffneten sich aber zum Beispiel auch die Schlagbäume zwischen dem mecklenburgischen Selmsdorf im DDR-Kreis Grevesmühlen und Lübeck-Schlutup in Schleswig-Holstein. In den folgenden Tagen bildete sich eine schier endlose Karawane ostdeutscher Kraftfahrzeuge in Richtung Lübeck. Dieser Rekordstau führte auch an Städten und Dörfern im DDR-Grenzgebiet vorbei, die für die meisten ostdeutschen Bürger bis dahin ohne Passierschein unerreichbar waren und damit eine Terra incognita bildeten.

Dazu gehörte ebenfalls die Kleinstadt Dassow. Nur rund zehn Kilometer von Lübeck entfernt, sah sich diese mecklenburgische Landstadt mit dem Ausbau der Grenzen zur DDR-Zeit von ihrer Umwelt abgeschlossen. Auch der Dassower See, direkt vor den Toren der Stadt gelegen, blieb für die Stadtbewohner gesperrt. Hierüber wachten die Grenztruppen, die Volkspolizei, das Grenzaktiv der Gemeinde, in der sich Bürgerinnen und Bürger zusammenfanden, um nach Flüchtlingen Ausschau zu halten und nicht zuletzt das Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Die Stasi, „Schild und Schwert der Partei“, hatte auch ein gehöriges Wort bei der Errichtung der Grenzanlagen mitzureden, die das SED-Regime bis zu seinem Ende mehr und mehr perfektionierte. Das Ziel bestand darin, die Grenze um jeden Preis unüberwindbar für Flüchtlinge aus der DDR zu machen.

Ab Mitte der 1970er-Jahre wollten die Grenztruppen eine Grenzmauer entlang der Fernverkehrsstraße 105 in und bei Dassow errichten, um vorgeblich die Lage für ihre Soldaten an dieser Transitstrecke sicherer zu machen. Dagegen sträubten sich der Leiter der MfS-Kreisdienststelle Grevesmühlen und die Kreiseinsatzleitung, die unter der Führung des 1. Sekretärs der SED-Kreisleitung stand – unter anderem da sie die Reaktion der bereits durch Gerüchte alarmierten Bevölkerung befürchteten. Die Entscheidung fiel jedoch offenbar auf höherer Ebene zugunsten des Bauwerks, womit auch der Norden Mecklenburgs 1979 seine eigene drei Kilometer lange „Mauer“ erhielt. In einer ganzen Serie von Akten dokumentierte die Kreisdienststelle der Stasi Grevesmühlen den Verlauf der Grenzanlagen in ihrem Bereich – darunter auch den der Mauer von Dassow. Für die Bevölkerung und Reisende verbot es sich, die Grenze zu fotografieren, wollte man nicht in den Verdacht geraten, Spionage zu betreiben oder Fluchtmöglichkeiten auszukundschaften. Daher sind Fotos aus östlicher Perspektive relativ selten und eine unschätzbar wichtige historische Quelle. Das mehrere hundert Aufnahmen umfassende Konvolut der MfS-Kreisdienststelle beginnt zeitlich in der Phase der Deutschen Grenzpolizei (1952-1961) und endet 1989.

Die Mauer von Dassow hinderte die Stadtbewohnerinnen und Bewohner mehr als zehn Jahre daran, auf ihren See hinauszublicken, dementsprechend unbeliebt war dieses Bauwerk. Daher kamen frühzeitig nach der Öffnung der Grenzen Forderungen auf, sie abzureißen. Schon am 22. Januar 1990 war es so weit, die Grenzanlage wurde beseitigt. Erst seit 2015 erinnert eine Stele an Errichtung, Verlauf und Abriss der Mauer von Dassow.

 

(Text: Dr. Michael Heinz, BStU)