Objekt des Monats Oktober 2017

Hanseatenkrause

Prof. Dr. Thomas Klie - Universitätsprediger an der Universitätskirche Heilig Kreuz

Walter Kempowski beschreibt in seinem Roman „Uns geht’s ja noch gold“ den ersten Gottesdienst in der Rostocker Marienkirche nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch ein auffälliges Kleidungstück des Superintendenten, der die Predigt hielt, hielt er für erwähnenswert: die ausladende Halskrause, auch „Mühlrad“ genannt, nur sehr aufwändig mit einem durch den Krieg geretteten Spezial-Plätteisen in Form zu halten.

Diese Krause ist aufgrund ihrer heute weitgehend auf einige norddeutsche Hansestädte – vor allem Hamburg und Lübeck – beschränkten Verbreitung auch als „Hanseatenkrause“ bekannt. Auch in Dänemark und Grönland ist sie nach wie vor Teil der Dienstkleidung protestantischer Pastoren. In Rostock, wo sie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg außer Gebrauch geriet, kann sie seit kurzem wieder als Teil der Ausstattung des Universitätspredigers bewundert werden. Auf unserer Darstellung trägt Prof. Dr. Thomas Klie sie als Universitätsprediger auf der Kanzel der Universitätskirche.

Zweifellos, die Halskrause ist ein eher umständliches, aus gestärktem weißen Leinen bestehendes Kleidungsstück, nicht gerade bequem zu tragen und vergleichsweise aufwändig in der Pflege. Aber es geht bei ihr gerade nicht um lässige und spontane casualness. Sie ist vielmehr hochgradig symbolisch aufgeladen, und diese Symbolik hat im Laufe der Zeit auch Änderungen erfahren. Entstanden ist sie in Spanien, wo sie zu einem Element der Hoftracht avancierte. Ausdrücken sollte sie dabei Würde, Distanziertheit und Strenge – mithin zentrale Werte der spanischen Hofkultur, die im 16. Jahrhundert zum Maßstab für distinguiertes Auftreten der europäischen Eliten wurde, für Gravität (spanisch gravedad). Sie wurde in Kombination mit dunkler, talarartiger Oberbekleidung getragen. Diese Art der Außendarstellung erlebte im 16. und frühen 17. Jahrhundert eine bemerkenswerte Konjunktur. Sie war in der Tat für eine Zeit, in der sich die Eliten vom gemeinen Volk abgrenzen und bestimmte Werte und Normen ausdrücken wollten, wie gemacht. Das von ihr begünstigte „gravitätische“ Auftreten diente dem Adel dazu, seine Tugenden zur Geltung zu bringen, ermöglichte den Amtmännern in den aufsteigenden Verwaltungen und Würdenträgern in den wachsenden Staats- und Kirchenapparaten, Distanz zu den vielen sozialen Bindungen, die das Gemeinwohl gefährdeten, auszudrücken oder doch wenigstens vorzutäuschen. Als „Würdenkrause“ hat Thomas Mann im „Zauberberg“ diese Funktion auf den Punkt gebracht.

Und mehr noch: die blütenweiße Farbe der Halskrause (in bewusstem Kontrast zum würdigen Schwarz des Talars) symbolisierte zudem Reinheit, eine Tugend, die dem evangelischen Prediger, der nur das reine Gotteswort auszulegen hat, gut zu Gesicht stand. Bemerkenswert ist, dass die Würdenfunktion der Krause die Konfessionsgrenzen übersprang, den Hals des spanischen Hofmanns ebenso schmückte wie den des niederländischen Großkaufmanns oder des norddeutschen Pastors. Als Ausdruck protestantischer Strenge und theologischer Reinheit blieb sie erhalten, während sie in der Hofkultur in der Mitte des 17. Jahrhunderts außer Mode geriet. Denn das gravitätische Ideal des spanischen Hofzeremoniells machte zunehmend der leichtfüßigeren honnêteté des französischen Hofadels Platz. Dabei lässt sich auch eine politische und nationale Symbolik der Halskrause erkennen: In Frankreich wurde sie Mitte des 16. Jahrhunderts nur kurz heimisch, und zwar vor allem im streng katholischen, der spanischen Krone nahestehenden Teil des Adels. Sie nicht zu tragen hieß, den spanischen Einfluss auf Frankreich abzulehnen. Somit ist die Halskrause Träger vieler und sich wandelnder Bedeutungen und auch ein markantes Beispiel für Kulturtransfer, von der höfischen Welt der iberischen Halbinsel bis auf die Kanzeln des nördlichen Europa.

(Text: Prof. Dr. Hillard von Thiessen)