Objekt des Monats Oktober 2018

Die Trillerpfeife

Ihr mahnender und schriller Klang gehört beinahe zur Alltagsakustik. Zugführer, Verkehrspolizisten und Bademeister machen tagtäglich von ihr Gebrauch. Ihren größten Symbolwert genießt sie indes als Instrument eines anderen Regelhüters: des Schiedsrichters im Sport. Im deutschsprachigen Raum avancierte die (Triller-)Pfeife gar in unterschiedlicher Konnotation zum Synonym für Schiedsrichter. Neutrale Formulierungen wie jene vom „Mann an der Pfeife“ stehen der abschätzigen Rede von „der Pfeife“ gegenüber.

Ihren Ausgangspunkt nimmt diese Geschichte der Trillerpfeife im England des späten 19. Jahrhunderts; im 20. und 21. Jahrhundert erstreckt sie sich um nahezu den gesamten Globus. Die Pfeife erweist sich dabei als ein Objekt, das gleichermaßen sportgeschichtliche wie globalisierungsgeschichtliche Prozesse spiegelt.

Sportgeschichtlich ist ihre Einführung verknüpft mit dem Aufstieg von Schiedsrichtern zu selbständig agierenden Autoritäten. Ein eindrückliches Beispiel hierfür liefert der Fußball. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts zeitgleich an verschiedenen public schools erfunden, kannte er die Figur des Referees zunächst nicht. Im Bedarfsfall lag die Spielleitung in den Händen der Mannschaftskapitäne, die somit eine Doppelfunktion ausübten. Bald kam pro Team ein sogenannter Umpire hinzu, der außerhalb des Spielfelds postiert war und bei strittigen Entscheidungen hinzugezogen wurde. Im Zuge der schrittweisen Vereinheitlichung der Regeln sowie der Professionalisierung des Spielbetriebs – 1863 entstand mit der Football Association der weltweit erste Fußballverband – wurde schließlich auch der Referee geboren. Wie die Wortherkunft, das Verb „to refer“ (sich wenden an), verrät, war er als die „‚person to be referred to“ derjenige, der bei Zweifeln und Uneinigkeit von den Umpires zu konsultieren war. Vom Referee, wie wir ihn kennen, unterschied sich diese Figur mithin noch merklich. Dies änderte sich erst in den letzten beiden Dekaden des 19. Jahrhunderts, als der Referee vom Rand ins Feld rückte und schrittweise vom bei Bedarf befragten Schlichter zu jenem permanent agierenden, autonom entscheidenden und unparteiischen Spielleiter wurde, dessen Aufgaben und Befugnisse uns heute wohlvertraut sind. Um seine Autorität auszuüben, war er nicht nur auf Akzeptanz angewiesen, sondern ebenso auf praktisches technisches Equipment. Mit der Trillerpfeife konnte er sich gegenüber Spielern und Publikum unmittelbar Gehör verschaffen, auf seine Entscheidungskompetenz hinweisen und das Spiel zugleich dynamisch leiten. Sie wurde im doppelten Sinn zu seinem Erkennungszeichen.

Zusammen mit dem modernen Sport insgesamt fand auch die Trillerpfeife ihren Weg in und um die Welt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts trieben die entstehenden Weltsportverbände, beispielsweise die 1904 gegründete FIFA, den Prozess der globalen Ausbreitung und sukzessiven Standardisierung des Sports auch aktiv voran. Gleichwohl sollte er je nach Sportart und Kontinent teils viele Jahrzehnte dauern. Heute jedoch kann der Weltsport als eines der anschaulichsten Globalisierungsphänomene gelten. Fraglos nicht allein durch den Sport, aber mit ihm entwickelte sich auch die Trillerpfeife zu einem global standardisierten, genutzten und verstandenen Objekt. Diese Globalisierung weist mindestens zwei Facetten auf. Zum einen erstreckt sie sich auf die weltweite Ausbreitung und Vernetzung des Schiedsrichterwesens, die darauf zielt, Aufgaben, Agieren und Ausstattung der Referees einheitlich zu gestalten. Mit dem Ton der Pfeife hält zum anderen auch eine Form akustischer Vereinheitlichung Einzug. Wie ein „Schiedsrichter klingt“, was ein Pfiff bedeutet und wie Sportler und Publikum auf ihn reagieren – darüber besteht heute an nahezu jedem Ort sogleich Klarheit.

Kurzum: Genau wie Schiedsrichter seit Langem und bis auf Weiteres unverzichtbare Institutionen des modernen Sports sind, ist auch die Trillerpfeife aus diesem einstweilen nicht wegzudenken.

 

(Text: Dr. Kristoffer Klammer, Assistent am Lehrstuhl für Europäische und Neueste Geschichte)