Unter falscher Flagge: Alexander Kirchers „Walfang an der Rossbarriere“

„Walfang an der Rossbarriere“ von Alexander Kircher (1867-1939), 1938, Öl auf Leinwand, 188 x 240 cm, Hauptgebäude der Universität Rostock, rechter Flügel (Retuschen in roten Kreisen gekennzeichnet. Foto: Steffen Kammler)

Begibt man sich im Treppenhaus des rechten Flügels des Hauptgebäudes der Universität Rostock auf Höhe der dritten Etage, passiert man unweigerlich das Objekt des Monats Oktober. Dieses erregt schon allein aufgrund seiner schieren Ausmaße von 188 x 240 cm die Aufmerksamkeit des Betrachters. In monumental-dramatischer Verdichtung bildet das Ölgemälde „Walfang an der Rossbarriere“, über das wenig bekannt ist, die Inszenierung einer industrialisierten Waljagd ab. Im Zentrum der Darstellung steht das Fabrik- bzw. Mutterschiff der Walfangflotte bei der Einholung eines erlegten Meeressäugers in Heckansicht. Das von fünf Fangbooten gesäumte Schiff hat die Nationalflagge Perus gesetzt. Auf den zweiten Blick ergeben sich für den aufmerksamen Rezipienten jedoch einige Irritationen.

Zunächst lassen sich, bis auf die angesprochene Flagge der Andenrepublik, keinerlei Hinweise auf die Identität der abgebildeten Flotte finden. Weder das Heck des Schiffes, noch die Fangboote lassen Schiffsnamen erkennen. Eine Hausflagge, die Aufschluss über die Reederei und somit den Eigentümer des Jagdverbandes geben könnte, sucht der Betrachter ebenfalls vergebens.

Weiterhin gibt auch die scheinbar peruanische Provenienz des Fabrikschiffes Rätsel auf. Zum einen besaß das Land im Westen Südamerikas keine industrialisierte Walfangflotte dieses Ausmaßes, zum anderen gehörte Peru nie zu den sogenannten „Billigflaggenstaaten“, deren Flaggen von ausländischen Schiffseignern genutzt werden, um Kosten einzusparen.

Darüber hinaus lässt sich am rechten unteren Bildrand die Signatur „ALEX.KIRCHER“ und die Jahreszahl „1938“ finden. Bei Kircher (1867-1939) halt es sich um einen Marine- und Landschaftsmaler, der aufgrund seiner monumentalen Gemälde der österreichischen und deutschen Kriegs- und Handelsflotte Popularität erlangte.

Vor dem Hintergrund dieser Informationen fällt es immer schwerer, an einem peruanischen Ursprung der Flotte festzuhalten. Stattdessen drängt sich der Verdacht auf, dass die Schiffe tatsächlich deutscher Herkunft sind, ihre Identität aber nachträglich anonymisiert wurde. Vergleicht man Kirchers Ölmalerei mit historischen Fotografien der Walfangflotten des Dritten Reiches, erhärtet sich dieser Verdacht zusehends. So weisen Fotografien des ersten deutschen Walfang-Fabrikschiffes „Jan Wellem“ und ihrer Fangboote „Treff I-VIII“ eine frappierende Ähnlichkeit mit den Abbildungen Kirchers auf.

Nimmt man eine geringere Distanz und einen anderen Winkel zum Gemälde ein, werden bei günstigen Lichtverhältnissen Retuschen deutlich (siehe Bild), die beweisen, dass es sich wirklich um die Jan Wellem und ihre Fangboote handelt.

Ungeklärt ist, wer die Veränderungen vorgenommen hat und zu welchem Zeitpunkt. Auch bleibt offen, wann und wie das Werk in den Besitz der Universität gelangte bzw. wem es vorher gehörte, in welchem Jahr es erstmals wieder öffentlich zugänglich war und an welchem Ort.

Die Jan Wellem war das erste von insgesamt sieben deutschen Fabrikschiffen, die gemeinsam mit ihren Fangbooten in der Arktis und Antarktis auf die Jagd nach Finn- und Blauwalen gingen. Im Rahmen des Vierjahresplans, der ökonomische Autarkie und militärische Aufrüstung im Sinne der Kriegsvorbereitungen zum Ziel hatte, erlegte die Flotte zwischen 1937 und 1939 rund 15.000 Meeressäuger. Ihr Tran diente dazu, die sogenannte „Fettlücke“, also den notorischen Mangel an Ölen und Fetten für die Margarineherstellung und Wasch-/Reinigungsmittelindustrie, aus eigener Kraft zu schließen.

Damit lenkt das Objekt des Monats unser Interesse nicht allein auf den Umgang mit NS-Kunst in der Nachkriegszeit bzw. DDR, sondern thematisiert auch die erst jüngst ins kulturelle Gedächtnis gerufene Historie des industrialisierten Walfangs unter der Hakenkreuzflagge.

(Text: Jakob Kotlowski, MA, Historisches Institut)