Die Thora-Krone Hamburgs

Foto: Armin Levy | Raawi Jüdisches Magazin

Am 9. November 1938 begann die Welt zu brennen. In Hamburg brannten SS-Truppen, unterstützt von Bürgern der Stadt, die sogenannte Bornplatzsynagoge im Grindelviertel nieder, gelegen in der Nähe des heutigen Bahnhofs Hamburg-Dammtor. Die übrig gebliebenen Mauern des größten jüdischen Gotteshauses Norddeutschlands, gebaut 1906, ließen die Nationalsozialisten später abreißen und die jüdische Gemeinde für den Abriss bezahlen. In dieser Nacht der Plünderung und Zerstörung verschwand auch die Thora-Krone, welche unser Objekt des Monats Mai darstellt. Doch 80 Jahre später ist sie zurück – und seit dem 9. November 2020 wieder im Besitz der Jüdischen Gemeinde Hamburgs. Was ist eine Thora-Krone und welche Geschichte hat diese?

Die Hamburger Thora-Krone ist ein kleiner Gegenstand. Sie wiegt 800 Gramm, ist aus Silber gefertigt und misst 23 Zentimeter in die Höhe. Eine Gravur verweist darauf, dass sie dem Hamburger Rabbiner Markus Hirsch, der um 1900 der Gemeinde vorstand, gewidmet wurde. Doch warum sollte der Hamburger Rabbiner eine Krone tragen?

Mit der „Krone der Thora“ bezeichneten jüdische Gelehrte die Gelehrsamkeit der Heiligen Schriften selber, gaben also nicht Menschen, sondern Texten diesen Ehrentitel. Seit dem Mittelalter fungierten Thora-Kronen als Zierde oder Aufsatz der Heiligen Schriften, der sogenannten Thorarollen. Thora-Kronen, meist aus Gold oder Silber, setzten die Rabbiner auf festlichen Umzügen oft auf die Thorarollen, um diese symbolisch zu verehren. Konflikte entstanden seitdem immer wieder über der Frage, warum die Krone, als christliches Herrschaftszeichen von weltlichen Königen und Kaisern, so weit in die jüdische Kultur und ihre religiösen Darstellungen eindringen konnte. Die teuren Gegenstände, meist von Gemeindemitgliedern gestiftet, zeigen aber zugleich, wie sich sozialer Aufstieg und wirtschaftlicher Erfolg des jüdischen Bürgertums in wertvollen Kultobjekten niederschlugen, die zugleich das Prestige des Gebers stärkten. Auch der Hamburger Stifter von 1906 ließ nicht nur den Namen des Rabbiners Hirsch (1833-1909) eingravieren, sondern auch seinen eigenen auf dem Fuß der Krone eingravieren.

Die Hamburger Thora-Krone blieb 80 Jahre lang verschollen. Dann fand sie ein Hamburger Unternehmer, der auch Mitglied der Synagoge ist, in einem Antiquitätengeschäft. Er kaufte das Objekt und gab die Krone am 9. November 2020 wieder an die Jüdische Gemeinde Hamburg zurück. Ob die Hamburger Thora-Krone ihren ursprünglichen Zweck, die Thorarollen währen der Gottesdienste zu schmücken, wieder einnehmen kann, ist offen. Der Plan, die 1938 niedergebrannte Synagoge im Herzen des Hamburger Universitätsviertels, des Grindelviertels, neu zu bauen, wird derzeit diskutiert.

(Text: Prof. Dr. Ulrike von Hirschhausen)