Objekt des Monats Januar 2020

Arno Peters Weltkarte

Im Mai 1973 berief der deutsche Historiker Arno Peters in Bonn eine Pressekonferenz ein, um den 350 versammelten Journalisten eine neuartige Weltkarte zu präsentieren. Die Karte, die auf der sogenannten Peters-Projektion basiert, zeigte ein ungewohntes Bild. Im Vergleich zu den bekannten Mercator-Projektionen wirkten die Kontinente seltsam langgezogen – vor allem aber waren Europa und Nordamerika deutlich kleiner als üblich. Peters erklärte, dass seine Karte die tatsächlichen Größenverhältnisse der Länder des Südens und des Nordens korrekt wiedergebe. Herkömmliche Karten seien hingegen durch das „geheime Wunschdenken des Europäers“ geprägt gewesen, „die Länder Europas und des ‚weißen Mannes‘ übermächtig“ darzustellen.
Peters Weltkarte entpuppte sich umgehend als Sensation, über die weltweit Zeitungen auf ihren Titelseiten berichteten. Im Jahr 1973, in dem die erste Ölkrise die ökonomischen Machtverhältnisse zwischen Nord und Süd auf den Kopf zu stellen schien und die sogenannten Entwicklungsländer medienwirksam eine „Neue Weltwirtschaftsordnung“ einforderten, traf der Bremer Historiker den Nerv der Zeit. Umgehend entpuppten sich zahlreiche NGOs (wie Oxfam) und die  Vereinten Nationen als Advokaten der neuartigen Projektion, die den Eurozentrismus herkömmlicher Karten zu überwinden schien. Im Jahr 1980 nutzte die vom ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt geleitete Nord-Süd-Kommission die Karte dann sogar als Titelbild für ihren berühmten Report „Das Überleben sichern“. So enthusiastisch viele Medienschaffende und „progressive“ Kreise Peters Karte willkommen hießen, so skeptisch zeigten sich hingegen akademische Kartographen. Sie kritisierten, dass Peters zwar die Flächenverhältnisse korrekt abbilde, aber lediglich auf Kosten zahlreicher Verzerrungen in anderen Bereichen, die seine Karte praktisch wertlos machten. Heute ist Peters Weltkarte ebenso in Vergessenheit geraten wie der gesamte Nord-Süd-Konflikt, in dessen Kontext sie ihre herausgehobene Bedeutung gewann.


(Text: Dr. Jonas Kreienbaum)