Ehrendoktorwürde der Juristischen Fakultät für Oluf Gerhard Tychsen

Abbildung: Ehrendoktorwürde der Juristischen Fakultät, Seide, UB Rostock, Sondersammlungen, Mss. orient. 290(8), Bl. 49.

Am 14. November 1813 verlieh die Universität Rostock die juristische Ehrendoktorwürde, eingebunden in grauer Seide, die die Abbildung zeigt, an Oluf Gerhard Tychsen. Nicht nur die juristische, auch die theologische Fakultät verlieh ihm zu seinem 50jährigen Dienstjubiläum den Ehrendoktor, die juristische vor allem wegen seiner Schriften über das jüdische Recht. Der Freimüthige oder Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser vom 29. November 1813 berichtete darüber: „Nachdem demselben am Morgen dieses Tages von seinen sämmtlichen Collegen und anderen angesehenen Männern Glückwünsche überbracht worden waren, selbst der Durchlauchtigste Erbprinz geruhet hatte, in Begleitung des Prinzen Paul und dessen Gouverneurs dem Jubelgreise seine Theilnahme zu bezeugen, so wurde ihm Mittags bei Hofe vor der Tafel, zu welcher auch Decane der Fakultäten eingeladen waren, von Seiner Excellenz, dem Herrn Geheimen Rathspräsidenten von Brandenstein, das Patent als Vicekanzler und ein sehr gnädiges Schreiben des Durchl. regierenden Herzogs nebst einer zur Feyer dieses Tages auf Herzogliche Kosten geprägte Medaille in Gold überreichte … Plötzlich erhob sich ein Geräusch, und siehe da ! der Durchlauchtigste Erbprinz hatte sich zu erheben geruht, um auf das Wohl des Jubelgreises das gefüllte Glas zu leeren, welchem erhabenen Beispiele alle Anwesenden freudig nachfolgten. Der Abend dieses festlichen Tages beschloss mit einer Fackelmusik, welche die Studierendem dem Greise brachten."

Doch wer war Oluf Gerhard Tychsen? Geboren am 14. Dezember 1734 in Tondern (Tønder) in Nordschleswig, besuchte er ab 1752 das Akademische Gymnasium in Altona. Dort kam er mit der hebräischen Sprache und mit jüdischer Literatur in Kontakt; zum Studium der Theologie, der Geschichte und der orientalischen Literatur ging er anschließend zunächst nach Jena, wechselte aber bald nach Halle. Dort wurde Johann Heinrich Callenberg auf ihn aufmerksam und holte ihn an sein Institutum Judaicum et Muhammedicum, wo er zum Judenmissionar ausgebildet wurde und 1759/60 auf zwei Missionsreisen durch Norddeutschland und Dänemark ging. Von Halle aus wurde er im Herbst 1760 als Dozent für hebräische Sprache an die neugegründete Friedrichs-Universität zu Bützow bestellt, und dort im November 1763 auf die ordentliche Professur für morgenländische Sprachen berufen. 1770 wurde er außerdem Bibliothekar der Universität. Schon bald bewirkten seine Sprachkenntnisse umfangreiche Kontakte zu Mecklenburger Juden, die er sich als Informanden über Fragen der jüdischen Kultur, Gebräuche und Sprache nützlich zu machen wusste, darüber hinaus trat er aber auch als Förderer jüdischer Studenten und sogar Promovenden in Erscheinung. Tychsen wurde zu einem interkulturellen Mittler zwischen Juden und Christen; indem er 1813 das entscheidende Gutachten zum Emanzipationsedikt der Juden in Mecklenburg schrieb, sogar zum Förderer der jüdischen Emanzipation. Allerdings behielt er zeitlebens seine zutiefst pietistische Haltung bei, die über eine rechtliche wie kulturelle Annäherung der Juden an die christliche Gesellschaft eine vollständige Assimilation und damit ein Aufgehen des Judentums im Christentum erreichen wollte.

Mit der Zurückverlegung der Bützower Universität nach Rostock kam auch Tychsen nach Rostock, mit ihm die durchaus umfangreiche Bützower Universitätsbibliothek, die von ihm begründet worden war. In Rostock setzte er seine Publikations- und Sammlungstätigkeit fort, baute unter anderem eine Naturaliensammlung auf, gründete das akademische Münzkabinett und erweiterte in seiner Eigenschaft als Oberbibliothekar die Rostocker Universitätsbibliothek erheblich. So geht die heutzutage in den Sondersammlungen der Universitätsbibliothek aufbewahrte Judaica-Sammlung mit ca. 3.500 Titeln wesentlich auf den Rostocker Bibliothekar und Orientalisten zurück.

Tychsens Forschertätigkeit verband ihn bald mit einem großen Kreis von Gelehrten; im Laufe der Jahre baute er ein europaweites Netzwerk mit fast 200 Korrespondenten auf, weit über 3000 Briefe sind erhalten, die in den Sondersammlungen der UB aufbewahrt werden. Diese weitbeachtete Tätigkeit blieb nicht ohne Folgen: 1793 wurde er Mitglied der Königlichen Akademie der Schönen Wissenschaften in Stockholm, 1796 Ehrenmitglied der Akademie zu Padua, 1798 der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Kopenhagen, 1801 Ehrenmitglied der Mecklenburgischen Naturforschenden Gesellschaft, 1803 Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1813 schließlich der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu München, um nur die wichtigsten aufzuzählen.

Nach der Verleihung der Ehrendoktorwürde, verbliebenen Tychsen noch zwei Jahre bis er am 30. Dezember 1815 in Rostock verstarb. Im Rostocker Stadtbild ist Oluf Gerhard Tychsen mit einem Portraitmedaillon an der nördlichen Schmalseite des Universitätshauptgebäudes (Kröpeliner Straße) verewigt und eine Straße in der Südstadt ist nach ihm benannt.

(Text: Prof. Dr. Michael Busch arbeitet am Projekt der Erschließung und Digitalisierung des Nachlasses von Oluf Gerhard Tychsen und ist Kurt von Fritz Postdoc-Stipendiat)