Objekt des Monats Oktober 2019

Die Zellsedimentierkammer nach Sayk

Modell der Zellsedimentierkammer um 1955 Medienzentrum der Universität Rostock. Datei: „Sedimentationskammer nach Sayk 8552a“ (Mit freundlicher Genehmigung von Dr. rer. nat. Reinhard Lehmitz).

Erkrankungen des Nervensystems konnten seit 1900 besser diagnostiziert werden. Eine wichtige Rolle spielte hierfür die Entnahme von Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) mittels Lumbalpunktion. Für deren Untersuchung gab es jedoch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts weder praktikable noch wirklich zuverlässige diagnostische Verfahren. Sie waren entweder zu umständlich oder konnten die erforderlichen optimalen Ergebnisse nicht liefern. Erst eine von dem Neurologen Johannes Sayk (1923–2005) entwickelte Sedimentierkammer, die unsere Abbildungen zeigt, löste das Problem.

Johannes Sayk hatte seine klinische Laufbahn an der Universitätsnervenklinik in Jena begonnen. 1961 war er auf den Lehrstuhl für Neurologie an der Universität Rostock berufen worden, wo er bis 1989 lehrte. Seine Sedimentierkammer ermöglichte es, die Zellen der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit so aufzubereiten, dass sie mikroskopisch untersucht werden konnten. Die in den 1950er-Jahren in Zusammenarbeit mit dem VEB Carl Zeiss Jena konstruierte Sedimentierkammer war einfach zu handhaben und eignete sich gut für den Einsatz im klinischen Alltag. Das Verfahren beruhte auf dem Prinzip der Sedimentation, dem Ablagern von Teilchen (den Zellen) aus Flüssigkeiten (der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit) unter dem Einfluss der Gewichtskraft. Sayk gelang es, die Sedimentation durch die Sogwirkung eines Fließpapierstreifens zu beschleunigen. Dabei konnte die Geschwindigkeit des Flüssigkeitsentzugs reguliert werden, um so die Gefahr einer Beschädigung der empfindlichen Zellen zu verringern. Die Zellen blieben im Vergleich zu allen anderen bis dahin bekannten Methoden sehr gut erhalten und ließen sich mit Färbemethoden weiterbehandeln. Die Qualität der Zelldarstellung wurde somit erheblich verbessert.

Der Vertrieb der Zellsedimentierkammer ins In- und Ausland erfolgte über die in Berlin (Ost) ansässige Firma Ing. Wolfgang Dorenburg KG, später durch die Firma Dr. Günter Lange KG. Die serienmäßige Produktion sowie der Export ins Ausland führten zu einer weiten Verbreitung. In Europa war das Sedimentkammerverfahren über mehrere Jahrzehnte die klinische Standardmethode für die Untersuchung der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit. Es war jedoch nicht immer allen Kliniken möglich, die Zellsedimentierkammer zu erwerben, wie Berichte aus der DDR oder Polen zeigen. Der einfache Aufbau der Kammer gestattete aber eigene Nachbauten, und die einfache Handhabung führte zur Anwendung in vielen Laboratorien. Die Möglichkeit des kostengünstigen Nachbaus sorgte dafür, dass sie auch in Ländern mit Mangelwirtschaft genutzt werden konnte. Erst mit Beginn der 1990er-Jahre wurde die Sayksche Sedimentierkammer von anderen Verfahren verdrängt. Trotzdem wird sie bis heute in einigen Ländern wie in China oder bei bestimmten Fragestellungen genutzt.

Text: Prof. Dr. Ekkehardt Kumbier, Universität Rostock

 

Weiterführende Literatur

Dahlmann N, Zettl UK, Kumbier E (2017): The development of Sayk’s cell sedimentation chamber – A historical view on clinical cerebrospinal fluid diagnostics. Eur Neurol 77: 162-167;

Bashian N, Zettl UK, Kumbier E (2018): Johannes Sayk (1923–2005) – Wegbereiter der modernen Liquorzytologie. Historische Betrachtungen zum Leben und Werk. In: Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde, Bd. 24, S. 55-73;

Fan S, Ren H, Wang C, Guan H (2018): Continuing Use of Sayk’s Spontaneous Cell Sedimentation Technique for Cerebrospinal Fluid Cytology in China. Eur Neurol 79: 76–78