Der „Praeservativ-Mann“ gegen die Cholera

Eine zeitgenössische Karikatur auf die Angst vor der Cholera, 1831, Deutsches Historisches Museum, Berlin

Die neue Epidemie erschütterte Europa im Jahr 1831. Epidemie und Revolution waren indes eng verflochten. Denn die russischen Truppen, die die Revolution in Warschau 1831 niederschlagen sollten, brachten auch die Cholera mit, die sich mit flüchtenden Polen dann weiter durch Mitteleuropa nach Frankreich verbreitete.

Keiner kannte die Seuche. Die erste von sechs Pandemien, die Cholera zur Epidemie des 19.Jahrhunderts machen sollte, war 1817 von Indien über Afghanistan bis zum Kaukasus gewandert, doch dort verebbt. 1828 war Russland das erste europäische Land, das mit dem Ausbruch der Cholera auf eigenem Territorium konfrontiert war und keine Antwort wusste, wie der russische Kriegsminister 1829 verzweifelt schrieb: „Die Cholera bringt uns in eine Lage, wie wir sie nie zuvor gekannt haben“. Mediziner und Regierungen gingen von einem „Kontagium“ aus, also, dass Cholera ansteckend sei und sich durch menschlichen Kontakt verbreite. Als die Pandemie sich 1831 von Moskau nach Warschau und von dort nach Preußen, Österreich, Frankreich, Holland und in die USA verbreitete, setzten alle Regierungen daher auf Kontaktsperren. Familiäre Quarantäne, das Durchräuchern von Stadtvierteln, Desinfektion und Isolation waren kommunale Maßnahmen, weiträumige Cordon Sanitaires, Sicherheitszonen, mit den Preußen beispielsweise 1831 die gesamte Grenze zu Russland sperrte, waren nationale Maßnahmen, zu denen die Regierungen jetzt griffen.

Die Karikatur „Der Praeservativ-Mann“, im Besitz des Deutschen Historischen Museums, verarbeitete die Angst vor der Krankheit, indem die Cholera als „harte Nuss“ geknackt werden musste. Der „Praeservativ-Mann trägt alles, was Zeitgenossen als Mittel gegen Ansteckung zu nützen suchten: wollene Bekleidung, Ziegelsteine, tellergroße, am Körper zutragende Metallplatten und spezielle Kräuter wie Pfefferminze. Doch weder wollene Bekleidung und Metalplatten, welche die Karikatur als Gegenmittel des Volkes aufspießt noch die nationalen Sperrzonen, die die europäischen Staaten 1831 gegen die drohende Ausbreitung der Epidemie errichtete hatte, halfen. Die Seuche erreichte im Frühjahr 1832 auch Frankreich, wo 100.000 Menschen erkrankten. Erst als die Methoden der Pariser Stadtverwaltung nichts brachten, die Hospitalbetten nicht mehr ausreichten, die Todesrate auf 600 Menschen pro Tag schnellte, und die Pariser Unterschichten zu revoltieren begannen, wurden andere Ursachenfaktoren als der direkte menschliche Kontakt erstmals diskutiert. Im Gegensatz zu falschen Annahme eines Virus, das sich durch menschlichen Kontakt verbreite und durch Quarantäne bekämpft werden könne, wurde die wahre Ursache der Seuche erst fünfzig Jahre später entdeckt. 1884 fand der Berliner Arzt Robert Koch den tatsächlichen Erreger, das Cholera-Bakterium, das meist durch fäkalienverschmutzesTrinkwasser übertragen wurde.

(Text: Prof. Dr. Ulrike von Hirschhausen, Lehrstuhl für Europäische Geschichte)