Rostocker Theaterzettel wird 500 Jahre alt

Abbildung: Der Rostocker Theaterzettel von 1520 (Stadtarchiv Rostock: 3.06 Theaterzettel Nr. 1).

Die Hanse- und Universitätsstadt Rostock kann auf eine langjährige Theatertradition zurückblicken. Als „Gründungsurkunde“ des lokalen Theaterwesens gilt der aus dem Jahr 1520 stammende Rostocker Theaterzettel. Doch was kündigte dieses Flugblatt an? Was können wir daraus ableiten?

Aufschlussreich ist die Ankündigung über ein Theaterspektakel in mehrfacher Hinsicht. Schon der erste Satz nimmt Bezug auf eine Aufführungsgenehmigung, die von der geistlichen und weltlichen Obrigkeit durch „Gunst, Erlaubnis und Vollmacht“ erteilt wurde. Erst danach folgt eine Inhaltsangabe der genannten Darbietung. Beworben wird ein geistliches Schauspiel „vom Zustand der Welt und von den sieben Altersstufen der Menschen, welche durch die mitdargestellten sieben Stücke des Leidens Christi […] völlig bekehrt werden.“ Die letzten Zeilen geben eine zeitliche Auskunft über die Aufführung: Diese soll am Sonntag, den 22. Juli 1520, 11:30 Uhr auf dem Neuen Markt stattgefunden haben, sofern „sich das Wetter zur Klarheit schicken wird.“

Aus dieser Quelle können wir verschiedenes entnehmen: Erstens fand die Aufführung im Freien statt. Das war in jener Zeit nicht unüblich. Auch dienten Gasthöfe, der Hornsche Hof (Wokrenterstraße) sowie Kirchen häufig als Bühne, da Theatergebäude in Rostock erst 1751 (Barocksaal) und 1786 (Stadttheater) entstanden. Gespielt wurde in niederdeutscher Sprache.

Zweitens war das Thema der Aufführung keinesfalls ungewöhnlich. Christliche Motive nahmen im Alltag einen hohen Stellenwert ein. Wurden anfangs ausschließlich christliche Stücke dargeboten, kamen Dramen und Komödien bald hinzu. Als sicher gilt, dass es im „Norden“ bereits vor 1520 Theateraufführungen gegeben haben muss, die üblicherweise zu kirchlichen Feiertagen stattfanden. Allerdings ist die Quellenlage hierzu lückenhaft. Der Rostocker Theaterzettel wird in diesem Zusammenhang als älteste erhaltene Quelle des deutschsprachigen Raums im örtlichen Stadtarchiv verwahrt. Der Buchdruck hatte diese frühe Form der Werbung möglich gemacht.

Drittens nennt der Theaterzettel keine Künstler. Diese Anonymität ist damit zu erklären, dass Theater zu jener Zeit von „fahrenden Gesellen“ dargeboten wurde, die zur Randgruppe der Gesellschaft gehörten. Gaukler, Komiker oder Laien-Schauspieler verdienten sich auf diese Weise ihren Lebensunterhalt. An der dargestellten Situation änderte sich auch in den folgenden Jahrhunderten wenig. Erst dem Zeitgeist des 18. Jahrhunderts war es geschuldet, dass Herzöge in ihren Residenzstädten prunkvolle Hoftheater erbauten und diese von eigenem Personal bespielen ließen, so etwa in Schwerin oder Neustrelitz. Dagegen werden Opern, Operetten, Schauspiele, Tanzabende und Konzerte in Rostock erst seit 125 Jahren von festangestellten Künstlerinnen und Künstlern dargeboten.

(Text: Seraphin Feuchte, Historisches Institut der Universität Rostock)