Objekt des Monats - Archiv

Objekt des Monats September 2019

Halsketten

Halsketten, 19. Jahrhundert, Bahia, Gold, Privatsammlung © Emanoel Araujo (Hg.): Arte, adorno, design e tecnologia no tempo da escravidão, São Paulo: Museu Afro Brasil, 2013, S. 142-143.
Halsketten, 19. Jahrhundert, Bahia, Gold, Privatsammlung © Emanoel Araujo (Hg.): Arte, adorno, design e tecnologia no tempo da escravidão, São Paulo: Museu Afro Brasil, 2013, S. 142-143.

Das Objekt des Monats Januar 2019 war ein Halseisen, mit dem in Brasilien Sklaven bestraft und gedemütigt wurden. Das Objekt dieses Monats soll ein Gegenstück dazu sein: Die goldenen Halsketten bezeugen das kulturell aktive Leben versklavter und freier Afrobrasilianer. 

Viele der im 18. Jahrhundert in das brasilianische Goldfördergebiet Minas Gerais verschleppten Sklaven kamen von der Mina-Küste, einer Region am Golf von Guinea, in der ebenfalls Gold abgebaut wurde und wo auch die Goldbearbeitung weit entwickelt war. Die Sklaven brachten daher Fachwissen und technische Fähigkeiten mit nach Brasilien; beides machten ihre neuen Herren zumindest teilweise für sich nutzbar. Die Portugiesen nahmen die Goldschmiede jedoch auch als Konkurrenten für entsprechende Handwerker europäischer Herkunft wahr. Bereits 1621 hatte der König verboten, dass sich die indigene und schwarze Bevölkerung – unabhängig davon, ob sie versklavt oder frei war – in Gewerben betätigte, in denen Gold oder Silber verarbeitet wurde. Im 18. Jahrhundert ließ die portugiesische Krone sogar die Werkbänke afrobrasilianischer Goldschmiede in Bahia und Rio de Janeiro zerstören. Allerdings stellten die weißen Handwerker oft selbst schwarze Sklaven und Freie ein, um sie für sich arbeiten zu lassen. Zudem gab es auch weiterhin afrobrasilianische Goldschmiede mit eigenen Werkstätten, die nicht nur Schmuck für Kunden europäischer Herkunft anfertigten, sondern auch die spezifische Nachfrage afrobrasilianischer Frauen bedienten. 

Denn auch Afrobrasilianerinnen schmückten sich mit goldenen Halsketten, Armbändern, Ringen und anderen Accessoires. 1636 hatte der König ihnen zwar das Tragen von Gold- und Silberverzierungen an ihrer Kleidung verboten, doch die weißen Frauen umgaben sich bei den seltenen Gelegenheiten, in denen sie ihr Haus verließen, gern mit einer Schar prächtig geschmückter Sklavinnen. Für die Herrinnen war dies ein Mittel, ihren sozialen und ökonomischen Status zur Schau zu stellen. Doch auch die Sklavinnen erhielten auf diese Weise eine Gelegenheit, ihre Anmut, ihren Geschmack und das Ansehen, das sie bei ihren Herrinnen genossen, zu demonstrieren. Teilweise überließen ihnen die Besitzer den Schmuck sogar ganz, etwa als Belohnung für „gutes Benehmen“ oder für sexuelle Dienste. Da die Sklavinnen sonst kaum Möglichkeiten des Sparens hatten, gewannen die Ketten in solchen Fällen auch einen konkreten ökonomischen Nutzen: Sie hatten einen erheblichen Wert, konnten leicht transportiert und ohne große Schwierigkeiten veräußert werden, etwa wenn sich eine Sklavin die Freiheit kaufen wollte. Doch auch Afrobrasilianerinnen, die bereits ihre Freiheit erworben hatten oder frei geboren waren, schmückten sich mit entsprechendem Schmuck. Für sie stellte er ein Symbol kultureller Identität dar und unterstrich den Stolz, den sie sich trotz aller erlittenen Herabsetzung durch die Sklaverei bewahrt hatten. In gewisser Weise bedeutete der Goldschmuck damit sowohl für die afrobrasilianischen Goldschmiede als auch für die afrobrasilianischen Trägerinnen einen Akt des Widerstands gegen die Sklaverei.

(Text: Dr. Jorun Poettering, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Frühe Neuzeit des Historischen Instituts)

 

 


Objekt des Monats Mai 2019

Ehrendoktorwürde der Juristischen Fakultät für Oluf Gerhard Tychsen

Abbildung: Ehrendoktorwürde der Juristischen Fakultät, Seide, UB Rostock, Sondersammlungen, Mss. orient. 290(8), Bl. 49.

Am 14. November 1813 verlieh die Universität Rostock die juristische Ehrendoktorwürde, eingebunden in grauer Seide, die die Abbildung zeigt, an Oluf Gerhard Tychsen. Nicht nur die juristische, auch die theologische Fakultät verlieh ihm zu seinem 50jährigen Dienstjubiläum den Ehrendoktor, die juristische vor allem wegen seiner Schriften über das jüdische Recht. Der Freimüthige oder Unterhaltungsblatt für gebildete, unbefangene Leser vom 29. November 1813 berichtete darüber: „Nachdem demselben am Morgen dieses Tages von seinen sämmtlichen Collegen und anderen angesehenen Männern Glückwünsche überbracht worden waren, selbst der Durchlauchtigste Erbprinz geruhet hatte, in Begleitung des Prinzen Paul und dessen Gouverneurs dem Jubelgreise seine Theilnahme zu bezeugen, so wurde ihm Mittags bei Hofe vor der Tafel, zu welcher auch Decane der Fakultäten eingeladen waren, von Seiner Excellenz, dem Herrn Geheimen Rathspräsidenten von Brandenstein, das Patent als Vicekanzler und ein sehr gnädiges Schreiben des Durchl. regierenden Herzogs nebst einer zur Feyer dieses Tages auf Herzogliche Kosten geprägte Medaille in Gold überreichte … Plötzlich erhob sich ein Geräusch, und siehe da ! der Durchlauchtigste Erbprinz hatte sich zu erheben geruht, um auf das Wohl des Jubelgreises das gefüllte Glas zu leeren, welchem erhabenen Beispiele alle Anwesenden freudig nachfolgten. Der Abend dieses festlichen Tages beschloss mit einer Fackelmusik, welche die Studierendem dem Greise brachten."

Doch wer war Oluf Gerhard Tychsen? Geboren am 14. Dezember 1734 in Tondern (Tønder) in Nordschleswig, besuchte er ab 1752 das Akademische Gymnasium in Altona. Dort kam er mit der hebräischen Sprache und mit jüdischer Literatur in Kontakt; zum Studium der Theologie, der Geschichte und der orientalischen Literatur ging er anschließend zunächst nach Jena, wechselte aber bald nach Halle. Dort wurde Johann Heinrich Callenberg auf ihn aufmerksam und holte ihn an sein Institutum Judaicum et Muhammedicum, wo er zum Judenmissionar ausgebildet wurde und 1759/60 auf zwei Missionsreisen durch Norddeutschland und Dänemark ging. Von Halle aus wurde er im Herbst 1760 als Dozent für hebräische Sprache an die neugegründete Friedrichs-Universität zu Bützow bestellt, und dort im November 1763 auf die ordentliche Professur für morgenländische Sprachen berufen. 1770 wurde er außerdem Bibliothekar der Universität. Schon bald bewirkten seine Sprachkenntnisse umfangreiche Kontakte zu Mecklenburger Juden, die er sich als Informanden über Fragen der jüdischen Kultur, Gebräuche und Sprache nützlich zu machen wusste, darüber hinaus trat er aber auch als Förderer jüdischer Studenten und sogar Promovenden in Erscheinung. Tychsen wurde zu einem interkulturellen Mittler zwischen Juden und Christen; indem er 1813 das entscheidende Gutachten zum Emanzipationsedikt der Juden in Mecklenburg schrieb, sogar zum Förderer der jüdischen Emanzipation. Allerdings behielt er zeitlebens seine zutiefst pietistische Haltung bei, die über eine rechtliche wie kulturelle Annäherung der Juden an die christliche Gesellschaft eine vollständige Assimilation und damit ein Aufgehen des Judentums im Christentum erreichen wollte.

Mit der Zurückverlegung der Bützower Universität nach Rostock kam auch Tychsen nach Rostock, mit ihm die durchaus umfangreiche Bützower Universitätsbibliothek, die von ihm begründet worden war. In Rostock setzte er seine Publikations- und Sammlungstätigkeit fort, baute unter anderem eine Naturaliensammlung auf, gründete das akademische Münzkabinett und erweiterte in seiner Eigenschaft als Oberbibliothekar die Rostocker Universitätsbibliothek erheblich. So geht die heutzutage in den Sondersammlungen der Universitätsbibliothek aufbewahrte Judaica-Sammlung mit ca. 3.500 Titeln wesentlich auf den Rostocker Bibliothekar und Orientalisten zurück.

Tychsens Forschertätigkeit verband ihn bald mit einem großen Kreis von Gelehrten; im Laufe der Jahre baute er ein europaweites Netzwerk mit fast 200 Korrespondenten auf, weit über 3000 Briefe sind erhalten, die in den Sondersammlungen der UB aufbewahrt werden. Diese weitbeachtete Tätigkeit blieb nicht ohne Folgen: 1793 wurde er Mitglied der Königlichen Akademie der Schönen Wissenschaften in Stockholm, 1796 Ehrenmitglied der Akademie zu Padua, 1798 der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Kopenhagen, 1801 Ehrenmitglied der Mecklenburgischen Naturforschenden Gesellschaft, 1803 Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1813 schließlich der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu München, um nur die wichtigsten aufzuzählen.

Nach der Verleihung der Ehrendoktorwürde, verbliebenen Tychsen noch zwei Jahre bis er am 30. Dezember 1815 in Rostock verstarb. Im Rostocker Stadtbild ist Oluf Gerhard Tychsen mit einem Portraitmedaillon an der nördlichen Schmalseite des Universitätshauptgebäudes (Kröpeliner Straße) verewigt und eine Straße in der Südstadt ist nach ihm benannt.

(Text: Prof. Dr. Michael Busch arbeitet am Projekt der Erschließung und Digitalisierung des Nachlasses von Oluf Gerhard Tychsen und ist Kurt von Fritz Postdoc-Stipendiat)

 


Objekt des Monats April 2019

Akte BStU, MfS, BV Rostock, Abteilung IX, Nr. 200, Bl. 10

 Akte BStU, MfS, BV Rostock, Abteilung IX, Nr. 200, Bl. 10
Akte BStU, MfS, BV Rostock, Abteilung IX, Nr. 200, Bl. 10

Zwischen dem „Mauerbau“ 1961 und dem „Mauerfall“ 1989 versuchten rund 5600 Menschen über die Ostsee aus der DDR zu fliehen. Zirka 4500 gerieten dabei in die Fänge der Grenzbrigade Küste, der Volksmarine, der Volkspolizei und nicht zuletzt der Stasi. Das SED-Regime wollte unter allen Umständen Fluchten aus der DDR unterbinden, auch mit Gewalt. Sein „Schild und Schwert“, das Ministerium für Staatssicherheit, war dabei das wichtigste Erfüllungsorgan. Viele abgefangene Ostseeflüchtlinge kamen in die Untersuchungshaftanstalt des MfS nach Rostock in den Grünen Weg und wurden hier in der Regel monatelang zu ihrer versuchten Flucht und möglichen Mitwissern verhört, um die Prozesse vorzubereiten. Bis 1968 nutzten die Gerichte Paragraph 8 des Passgesetzes, um Flüchtlinge zu bestrafen. Mit der Einführung des Strafgesetzbuches 1968 verurteilte man sie nach Paragraph 213 wegen „ungesetzlichen Grenzübertritts“. Bei „leichten Fällen“ konnten Geldstrafen oder bis zu zwei Jahren Freiheitsentzug verhängt werden. Bei Ostseefluchten nahmen die Gerichte jedoch meist „schwere Fälle“ an, wofür das DDR-Recht Strafen von bis zu acht Jahren Freiheitsentzug vorsah.

Das MfS wandte viel Energie auf, die versuchten, aber auch die erfolgreichen Fluchten aus der DDR aufzuklären. Zum einen wollte es die „Täter“ und Mitwisser bestrafen lassen und damit auch Nachahmer abschrecken, zum anderen mögliche Lücken in der sehr massiven, vor allem nach innen gerichteten Abschottung erkennen und schließen. Daher sind MfS-Akten zu Fluchtfällen relativ umfangreich und beinhalten zahlreiche Verhörprotokolle, Zeugenvernehmungen, Beurteilungen, Täter- und Tatanalysen. Zu den Tatdokumentationen gehörten oft fotografische Darstellungen des Fluchtorts und der Fluchtfahrzeuge.

In den 1980er Jahren legten Mitarbeiter der Abteilung IX der Bezirksverwaltung Rostock, des „Untersuchungsorgans“ des MfS, eine spezielle Akte (BStU, MfS, BV Rostock, Abt. IX, Nr. 200) an – zu besonders spektakulären, aber auch typischen Ostseefluchten. Die Verhöroffiziere zwangen die festgenommenen Flüchtlinge, mit ihren Fluchtmitteln zu posieren und fotografierten dies meistens in der „Schleuse“ der MfS-Untersuchungshaftanstalt. Diese Akte, die wie eine Trophäensammlung anmutet, enthält nicht nur diese „Beweisfotos“, sondern auch kurze Beschreibungen der Tat. Was hierin meist nicht gespiegelt wurde, sind die Fluchtursachen – so auch in dem vorliegenden Dokument, das einen Fluchtfall aus Rostock-Warnemünde vom September 1987 darstellt.

Nähere Informationen zu dieser Flucht ergeben sich erst aus dem umfangreichen Archivierten Untersuchungsvorgang zum Fall. Hieraus geht hervor, dass der abgebildete Mann aus Rostock zuvor erfolglos versucht hatte, unter Verweis auf internationales Recht legal aus der DDR auszureisen. Seine Anträge beschied jedoch die Abteilung Inneres des Rates der Stadt abschlägig und teilte ihm mit, er habe kein Recht auszureisen.

Daher setzte er alles auf eine Karte und entschloss sich zur Flucht über die Ostsee. Des Nachts landete er in der Nähe des „Teepotts“ ab, wo er schon tagsüber einige Sachen deponiert hatte. Trotz intensiver Überwachung des Strandes durch Streifen der Grenzbrigade Küste und engmaschiger Kontrolle auf See durch Boote ebendieser und der Volksmarine gelang es ihm, mit seinen schwarz angemalten Segeln unbemerkt durch den unsichtbaren „eisernen Vorhang“ hindurchzuschlüpfen. Nachdem er einige Seemeilen bewältigt hatte, schlug jedoch das Wetter um. Sein kleines Faltboot vom Typ „Kolibri“ war der zunehmend schweren See nicht gewachsen. In Angst um sein Leben sah er sich gezwungen, das nächste Schiff anzulaufen – leider einen sowjetischen Frachter. Dessen Crew rettete ihn zwar aus der Seenot, übergab ihn aber natürlich den befreundeten DDR-Grenzorganen.

Warum floh der Mann und setzte damit sein Leben aufs Spiel? In den nachfolgenden Verhören durch das MfS sagte er aus, dass er seit 1980 seine „bis dahin vorhandenen Hoffnungen auf deutlich spürbare Veränderungen, vor allem im Demokratisierungsprozeß der Gesellschaft, verloren“ habe. Weiterhin äußerte er, dass durch mangelnde persönliche Freiheit, zunehmende Militarisierung und die SED-Medienpolitik „unerträgliche Zustände“ erreicht seien. Der Flüchtling wurde jedoch wider Erwarten und als einer von sehr wenigen nicht verurteilt. Ihm kam eine Amnestie, erlassen im Kontext des BRD-Besuches von SED-Chef Erich Honecker, zu Gute. Ende 1987 konnte er nach einigen Monaten Untersuchungshaft das Gefängnis verlassen.


Objekt des Monats Januar 2019

Halseisen

Jean-Baptiste Debret, Voyage Pittoresque et Historique au Brésil, Bd. 2, Paris 1835, S. 131, Abb. 42
© Museu Histórico Memorial da Liberdade, Redenção (CE)

Das abgebildete Objekt stammt aus dem 19. Jahrhundert aus Brasilien. Es besteht aus zwei halbrunden Eisenbügeln, die auf der einen Seite durch ein Scharnier verbunden sind und auf der anderen Seite mit einem Schloss verriegelt werden können. An einem der Bügel ist ein Eisenkreuz mit abgerundeten, scharfen Spitzen angebracht. Solche Halseisen (gargalheiras, libambos) wurden zur Bestrafung von Sklaven verwendet. Um den Hals gelegt, schränkten sie die Bewegungsfreiheit der Sklaven ein, ermöglichten ihnen aber dennoch die Ausübung der meisten Arbeiten. Teilweise wurden die Halseisen mittels einer Eisenkette mit einem zweiten Eisenring an einem Hand- oder Fußgelenk oder mit entsprechenden Eisen an einem oder mehreren weiteren Sklaven verbunden. 

Die portugiesischen Eroberer griffen seit dem Beginn ihrer Kolonisierung Brasiliens im frühen 16. Jahrhundert für alle körperlichen und handwerklichen Tätigkeiten auf Sklaven zurück, so bei der Errichtung öffentlicher und privater Bauten, auf den Zuckerrohrplantagen, im Transportwesen und in den Haushalten. Zunächst verwendeten sie fast ausschließlich Zwangsarbeiter einheimischer Herkunft. Aufgrund der hohen Todesraten bei den Kriegen und Raubzügen und durch die von den Europäern eingeführten Krankheiten ging die indigene Bevölkerung bald rapide zurück. Daher führten die Portugiesen bereits seit dem 16. Jahrhundert zusätzlich Sklaven aus Afrika ein. Als um 1700 im Landesinnern Gold und Edelsteine gefunden worden waren, stieg die Nachfrage nach afrikanischen Arbeitskräften nochmals erheblich an. Insgesamt wurden zwischen 1550 und 1850 rund vier Millionen Sklaven aus Afrika nach Brasilien verschleppt – weit mehr als in jedes andere Land in den Amerikas. Erst 1888 wurde die Sklaverei in Brasilien offiziell abgeschafft.

Die Bestrafung der Sklaven war üblich, gesetzlich erlaubt und von der katholischen Kirche gutgeheißen. Sie bestand in einer Kombination körperlicher und psychischer Gewaltanwendung, vermied aber in der Regel die Vernichtung der Arbeitskraft. Ziel war es vielmehr, die wirtschaftliche Rentabilität der Sklaven durch Disziplinierung und Verminderung ihres Widerstandswillens zu optimieren.Ein zentrales Element der Strafpraktiken war ihre größtmögliche Sichtbarkeit. Diese führte zu einer kontinuierlichen Bestätigung und Verfestigung des Status der Unterworfenheit und Ausgeliefertheit der Sklaven in der öffentlichen Wahrnehmung. 

Halseisen mussten vor allem jene Sklaven tragen, die zu fliehen versucht hatten. Die Eisen sollten sie an einem erneuten Fluchtversuch hindern, denn die gebogenen Metallkreuze erschwerten das Leben im dichten Unterholz der Wälder, wohin sich viele entlaufene Sklaven zurückzogen; wenn die Eisen mittels einer Kette mit einem Gliedmaß oder mit weiteren Sklaven verbunden waren, war die Flucht noch schwerer. Die Eisen dienten ferner der Verwarnung und öffentlichen Erniedrigung; sie wurden daher auch für Sklaven verwendet, die zuvor mit Peitschenhieben für andere Vergehen bestraft worden waren. Die Gestraften mussten die Eisen oft mehrere Monate tragen und durften sie selbst nachts nicht ablegen, wodurch das Schlafen erheblich erschwert wurde. 

Auf dem Stich von Jean-Baptiste Debret sind drei Sklaven mit Halseisen in einer Geschäftsstraße von Rio de Janeiro in der zweiten oder dritten Dekade des 19. Jahrhunderts zu sehen. Wie man sieht, hinderten die Halseisen sie nicht daran, miteinander ins Gespräch zu kommen und gegebenenfalls ihre Waren zu verkaufen, deren Erlöse sie in regelmäßigen Abständen an ihre Besitzer abliefern mussten. Anders als die meisten anderen europäischen Künstler seiner Zeit stellte Debret in vielen seiner Werke die Handlungsmacht und die Würde dar, über die die brasilianischen Sklaven trotz aller Erniedrigungen verfügten. Dennoch weisen sowohl die Instrumente der Bestrafung als auch entsprechende Abbildungen, die durch ihr häufiges Auftauchen auf Buchumschlägen und Postern, in Museen und Dokumentarfilmen einen ikonischen Status in Brasilien erlangt haben, nicht nur den Sklaven, sondern auch der schwarzen Bevölkerung im Allgemeinen einen Opferstatus im kollektiven öffentlichen Gedächtnis zu. Um dem entgegenzuwirken, legen viele Historiker den Schwerpunkt ihrer Forschung auf den von Sklaven geleisteten Widerstand, auf ihr Sozialleben, ihre Beiträge zur Wissensproduktion und ihre kulturellen Äußerungen. Dem trägt auch ein künftiges „Objekt des Monats“ Rechnung, das diesmal einen positiv konnotierten Gegenstand aus der brasilianischen Sklavereigeschichte vorstellen wird. 

(Text: Dr. Jorun Poettering, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Frühe Neuzeit des Historischen Instituts)


Objekt des Monats November 2018

Kalenderblatt 11. November 1918 - Józef Piłsudski und die Gründung der Zweiten Polnischen Republik

 

Am 8. November 1918 begibt sich Harry Graf Kessler im Auftrag des Auswärtigen Amtes in die Festung Magdeburg. Dort ist der hochrangige Militär und führende polnische Politiker Józef Piłsudski inhaftiert, den Kessler aus seiner Zeit während der deutschen Besatzung in Warschau kannte. Piłsudski hatte mit seinen polnischen Legionen auf Seiten der Mittelmächte gekämpft und sich dadurch eine Unterstützung bei der Wiederherstellung der 1795 zerschlagenen polnischen Staatlichkeit erhofft. Schwer enttäuscht von den nur halbherzigen Zusagen Deutschlands und Österreichs in der Kaiserlichen Erklärung vom 5. November 1916, verweigerte er sich der weiteren Zusammenarbeit und wurde daraufhin in Magdeburg festgesetzt. Als Kessler nach Magdeburg fuhr, hatte sich der deutsche Generalstab bereits für die Anerkennung des 14-Punkte Programms des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson entschlossen, das in seinem Punkt 13 die Wiederherstellung des polnischen Staates forderte. Was Kessler mit Piłsudski besprach, ist im Einzelnen nicht überliefert, höchstwahrscheinlich wollte er jedoch Einfluss auf die Haltung Piłsudskis zu den auszuhandelnden Friedensbedingungen nehmen. Der deutschen Seite war klar, dass Piłsudski im zukünftigen polnischen Staat eine, wenn nicht die zentrale Rolle spielen wird und man ging immer noch von einigem Bewegungsspielraum in den Friedensverhandlungen aus, der für deutsch-polnische Vereinbarungen genutzt werden könnte. Einerseits hatte die nationalpolnische Bewegung keinen Zweifel daran gelassen, dass ein neuer polnischer Staat auf einem Territorium entstehen soll, das durch Deutschland weiter beansprucht wird, andererseits war bekannt, dass Piłsudski zu jenen politischen Kräften Polens zählte, deren territoriale Orientierung eher im Osten lag und er selber bisher keine Forderungen in dieser Hinsicht an Deutschland gestellt hatte. Das Treffen in der Festung ging relativ ergebnislos zu Ende. Piłsudski wurde freigelassen und reiste mit seiner Entourage am 9. November nach Warschau, wo er am 11. November, dem offiziellen Gründungstag der sogenannten Zweiten Polnischen Republik, zum Staatschef ernannt wurde und als Marschall Polens vorerst die Geschicke des Landes führte. Jetzt vermied Piłsudski erst Recht jegliche Aussagen, die als ein Zugeständnis an den Kriegsverlierer Deutschland gewertet werden konnten. Das hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit sein politisches Schicksal besiegelt. Denn Piłsudski war keinesfalls ein Alleinherrscher. Ganz davon abgesehen, dass Polen als parlamentarische Republik mit einem breit gefächerten politischen Spektrum entstanden war, hatte er es mit starken politischen Gegnern zu tun, die nicht nur im Lande sehr einflussreich waren, sondern auch bei den Siegermächten als Partner, mehr noch als Piłsudski, Anerkennung genossen. So waren die Nationaldemokraten unter ihrem Führer Roman Dmowski in Entente-Kreisen fest etabliert und vermochten direkten Einfluss zu nehmen. Vor allem auch deshalb, weil Dmowski mit seiner stringent nationalstaatlichen Politik den Ordnungsvorstellungen der Siegermächte mehr entsprach als Piłsudski mit seinen Plänen einer Föderation im ostmitteleuropäischen Raum unter polnischer Führung. Auch waren die Nationaldemokraten traditionell antideutsch eingestellt und stimmten mit ihrer Haltung einer maximalen Schwächung Deutschlands vornehmlich mit Frankreich überein. Piłsudski äusserte sich nicht zu den Grenzfragen im Westen und überließ deren Regelung den Siegermächten, abgesehen von einzelnen territorialen Vorfestlegungen durch militärische Aktionen, wie in Posen. Die territoriale Fixierung der polnischen Westgrenze erfolgte durch den Versailler Vertrag und darin anberaumten Volksabstimmungen. Das daraus resultierende Problem einer deutschen Minderheit wurde in der Weimarer Republik Hauptansatzpunkt einer antipolnisch, auf Revision der Bestimmungen von Versailles ausgerichteten Aussenpolitik und ein wichtiger Bestandteil eines Antipolonismus. Im Osten hatte Piłsudski relativ freie Hand, da es hierzu kein Konzept der Siegermächte gab und im Krieg mit dem bolschewistischen Russland konnte 1920, wenn auch nur schwer, ein Sieg errungen werden. Der Frieden von Riga 1921 zwischen Sowjetrussland und Polen schuf dann einen Kompromiss, der einen Großteil der polnischen Ambitionen im Osten befriedigte. Am 15. März 1923 schließlich anerkannte der Völkerbund auch die bis dahin umstrittene polnische Grenze zur Tschechoslowakei. Formal war damit die Zweite Polnische Republik in die endgültige staatliche Souveränität entlassen, in der Praxis jedoch blieben das polnische Territorium und alle damit verbundenen Probleme ein sowohl innen- als auch aussenpolitisches Thema permanenter Streitigkeiten und beeinflusste die Entwicklung des modernen Polen in ganz entscheidendem Maße.

 

(Text: Prof. Dr. Ralph, Professor für Geschichte der Neuesten Zeit / Geschichte Osteuropas)
 


Objekt des Monats Oktober 2018

Die Trillerpfeife

 

Ihr mahnender und schriller Klang gehört beinahe zur Alltagsakustik. Zugführer, Verkehrspolizisten und Bademeister machen tagtäglich von ihr Gebrauch. Ihren größten Symbolwert genießt sie indes als Instrument eines anderen Regelhüters: des Schiedsrichters im Sport. Im deutschsprachigen Raum avancierte die (Triller-)Pfeife gar in unterschiedlicher Konnotation zum Synonym für Schiedsrichter. Neutrale Formulierungen wie jene vom „Mann an der Pfeife“ stehen der abschätzigen Rede von „der Pfeife“ gegenüber.

 

Ihren Ausgangspunkt nimmt diese Geschichte der Trillerpfeife im England des späten 19. Jahrhunderts; im 20. und 21. Jahrhundert erstreckt sie sich um nahezu den gesamten Globus. Die Pfeife erweist sich dabei als ein Objekt, das gleichermaßen sportgeschichtliche wie globalisierungsgeschichtliche Prozesse spiegelt.

 

Sportgeschichtlich ist ihre Einführung verknüpft mit dem Aufstieg von Schiedsrichtern zu selbständig agierenden Autoritäten. Ein eindrückliches Beispiel hierfür liefert der Fußball. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts zeitgleich an verschiedenen public schools erfunden, kannte er die Figur des Referees zunächst nicht. Im Bedarfsfall lag die Spielleitung in den Händen der Mannschaftskapitäne, die somit eine Doppelfunktion ausübten. Bald kam pro Team ein sogenannter Umpire hinzu, der außerhalb des Spielfelds postiert war und bei strittigen Entscheidungen hinzugezogen wurde. Im Zuge der schrittweisen Vereinheitlichung der Regeln sowie der Professionalisierung des Spielbetriebs – 1863 entstand mit der Football Association der weltweit erste Fußballverband – wurde schließlich auch der Referee geboren. Wie die Wortherkunft, das Verb „to refer“ (sich wenden an), verrät, war er als die „‚person to be referred to“ derjenige, der bei Zweifeln und Uneinigkeit von den Umpires zu konsultieren war. Vom Referee, wie wir ihn kennen, unterschied sich diese Figur mithin noch merklich. Dies änderte sich erst in den letzten beiden Dekaden des 19. Jahrhunderts, als der Referee vom Rand ins Feld rückte und schrittweise vom bei Bedarf befragten Schlichter zu jenem permanent agierenden, autonom entscheidenden und unparteiischen Spielleiter wurde, dessen Aufgaben und Befugnisse uns heute wohlvertraut sind. Um seine Autorität auszuüben, war er nicht nur auf Akzeptanz angewiesen, sondern ebenso auf praktisches technisches Equipment. Mit der Trillerpfeife konnte er sich gegenüber Spielern und Publikum unmittelbar Gehör verschaffen, auf seine Entscheidungskompetenz hinweisen und das Spiel zugleich dynamisch leiten. Sie wurde im doppelten Sinn zu seinem Erkennungszeichen.

 

Zusammen mit dem modernen Sport insgesamt fand auch die Trillerpfeife ihren Weg in und um die Welt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts trieben die entstehenden Weltsportverbände, beispielsweise die 1904 gegründete FIFA, den Prozess der globalen Ausbreitung und sukzessiven Standardisierung des Sports auch aktiv voran. Gleichwohl sollte er je nach Sportart und Kontinent teils viele Jahrzehnte dauern. Heute jedoch kann der Weltsport als eines der anschaulichsten Globalisierungsphänomene gelten. Fraglos nicht allein durch den Sport, aber mit ihm entwickelte sich auch die Trillerpfeife zu einem global standardisierten, genutzten und verstandenen Objekt. Diese Globalisierung weist mindestens zwei Facetten auf. Zum einen erstreckt sie sich auf die weltweite Ausbreitung und Vernetzung des Schiedsrichterwesens, die darauf zielt, Aufgaben, Agieren und Ausstattung der Referees einheitlich zu gestalten. Mit dem Ton der Pfeife hält zum anderen auch eine Form akustischer Vereinheitlichung Einzug. Wie ein „Schiedsrichter klingt“, was ein Pfiff bedeutet und wie Sportler und Publikum auf ihn reagieren – darüber besteht heute an nahezu jedem Ort sogleich Klarheit.

 

Kurzum: Genau wie Schiedsrichter seit Langem und bis auf Weiteres unverzichtbare Institutionen des modernen Sports sind, ist auch die Trillerpfeife aus diesem einstweilen nicht wegzudenken.

 

(Text: Dr. Kristoffer Klammer, Assistent am Lehrstuhl für Europäische und Neueste Geschichte)

 

 


Objekt des Monats August 2018

Goldener Schild (Ecu d’or)

Goldener Schild (Ecu d’or), Münzherr: Kaiser Karl IV., Münzstätte: Antwerpen?, Datierung: nach 1355, Material: Gold, Durchmesser: 29,1 mm, Gewicht: 4,45 g, Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Münzkabinett, Inv.-Nr. Mü 18032

In der Regel orientieren sich Münzen an Vorbildern, so auch im Falle des von Kaiser Karl IV. geschlagenen Schildguldens, der auf den Ecu d’or zurückgeht. Beim Ecu d’or oder Goldenen Schild handelt es sich um die älteste französische Goldmünze mit einem sehr charakteristischen Münzbild. Auf der Vorderseite prangt der Schild mit den drei Lilien – Wappenbild der französischen Könige seit dem 12. Jahrhundert. Später wurde der thronende König abgebildet, so dass die Bezeichnung Ecu à la chaise oder einfach Chaise Verwendung fand.

Dieser Münztyp wurde vielfach nachgeahmt, so in Südwesteuropa (Navarra, Portugal), aber auch in den Niederlanden. Kaiser Ludwig der Bayer (1314–1347) initiierte eine umfangreiche Emission solcher Stücke in Antwerpen. Die umfangreiche Prägung von Schildgulden durch Kaiser Ludwig erklärt sich aus seinem Bestreben, am Beginn des Hundertjährigen Krieges über ausreichende Finanzmittel zu verfügen, um direkten Einfluss ausüben zu können. Sein Nachfolger, Karl IV. (1346–1378), setzte die Emission von Schildgulden in weitaus geringerem Maße fort. Dies geschah vermutlich ebenfalls über Antwerpen, wo weiterhin der von seinem Vorgänger eingesetzte Herzog Johann III. von Brabant als Statthalter (1312–1355) residierte. Durch die geringe Emission sind derartige Gepräge heute sehr selten, im Unterschied zu denen, die Ludwig der Bayer herstellen ließ. Karl IV. hat aber dafür in Böhmen viel stärker „normale“ Gulden emittiert.

Der Schildgulden Karls IV. zeigt im gotischen Gestühl den thronenden Kaiser mit erhobenem Schwert, rechts ist der Adlerschild angeordnet. Der Adler diente seit der Staufer-Zeit als kaiserliches Symbol. Die Umschrift lautet: KAROLVS DEI – GRA – ROMANORVM IMP (Karolus Dei Gratia Romanorum Imperator). Die Rückseite wird von einem verzierten Kreuz im Vierpass beherrscht. Dazu kommt die Umschrift: XPC VINCIT XPC REGNAT XPC IMPERAT (Christus vincit Christus regnat Christus imperat, paraphrasiert in etwa „Christus Sieger, Christus König, Christus Herr in Ewigkeit“). Die Umschrift steht dabei für die so genannten „laudes imperiales“, die Lobpreisungen auf den Kaiser.

Die Goldenen Schilde dienten zuerst einmal als Zahlungsmittel. Allerdings dürfte ein Großteil der Zeitgenossen nie solche Münzen in der Hand gehalten haben, denn aufgrund ihres hohen Wertes konnten diese im alltäglichen Zahlungsverkehr kaum benutzt werden. Bei großen Geldtransaktionen in Politik und Wirtschaft waren die Goldenen Schilde aber hochwillkommen. Neben der Geldfunktion dienten die Stücke noch einem anderen Zweck, und zwar als Medium der Herrschaftsrepräsentation, insbesondere gegenüber der hochadeligen Herrschaftselite. Schließlich bedurfte im Mittelalter Herrschaft ihrer ständigen Legitimation. Die von Karl IV. emittierten Goldmünzen verdeutlichen auf unnachahmliche Weise, wie der Luxemburger mit Bild und Schrift seine Macht demonstrierte.

Anzumerken bleibt, dass Kaiser Karl IV. für die mecklenburgische Geschichte eine überaus wichtige Rolle spielte. Im Jahr 1348 erhob er Mecklenburg zum unmittelbaren Reichslehen, so dass die dort regierenden Herren/Fürsten zu Herzögen avancierten.

(Text: PD Dr. Torsten Fried)


Objekt des Monats Juli 2018

Ein Adelsbegräbnis in der DDR – Freda Gräfin von Schwerin (†1957)

 

Am äußeren Rand des rechteckigen Begräbnisplatzes des Dorfes Stolpe auf Usedom steht ein unscheinbarer Stein, in den der Name Freda Gräfin von Schwerin, geborene von Kleist gemeißelt ist. Der schlichte Stein unterscheidet sich nicht von den übrigen Gräbern des Stolper Friedhofs und gibt keinerlei Hinweis auf die tumultartigen Umstände seiner Aufstellung im Jahr 1957.

Anlass der Unruhen in Stolpe im Jahr 1957 war die Rückkehr der ehemaligen Gutsherrin Freda Gräfin von Schwerin. Nach der Bodenreform 1945 musste sie ihren Besitz verlassen und hatte seither in der Nähe von Lüneburg gelebt. Zurück nach Stolpe kehrte die 1872 geborene Gräfin Schwerin nicht als vitale und aufbegehrende Alteigentümerin, sondern als stumme, demütige, ehemalige Einwohnerin des Dorfes – in einem Sarg. Der Wunsch der am 14. März 1957 in Deutsch-Evern bei Lüneburg Verstorbenen, in Stolpe ihre letzte Ruhe zu finden, wurde von ihrer Familie unterstützt und stellte aus Sicht der Angehörigen keine Provokation dar. Doch wie sich zeigen sollte, wurde dies von Seiten der örtlichen SED-Funktionäre ganz anders aufgefasst. Der Aufruhr, der um diesen Anlass in den nachfolgenden Wochen entstand, wurde von Helmut Sakowski einige Jahre später wie folgt kommentiert: „[…] als wolle ein armes totes Weiblein an den Grundfesten des sozialistischen Staates rütteln“.

Die Überführung des Sarges aus der Bundesrepublik zum Pastorat nach Stolpe verlief ohne größere Schwierigkeiten, erst die Beerdigung und die Beteiligung der Dorfbevölkerung am Trauerkondukt beunruhigte die örtlichen Parteifunktionäre massiv. Die Ostsee-Zeitung wurde von den bevorstehenden Ereignissen informiert. Chefredakteur Theo Fettin (1919–1989) und ein Pressefotograf reisten am Beerdigungstag nach Stolpe um die Trauergäste namentlich und bildlich zu dokumentieren. Die Anwesenden umflorte somit nicht nur Trauer, sondern zudem auch Selbstbewusstsein. Letzteres mag sie gewiss gewappnet haben vor der diffamierenden Veröffentlichung ihrer Namen und Gesichter wenige Tage nach der Beerdigung in der Ostseezeitung.

Die Begräbnisfeier der ehemaligen Gutsherrin bedeutete für die SED-Funktionäre eine politische Machtdemonstration im Dorf. Beunruhigend erschien die Präsenz der verstorbenen Adeligen deshalb, weil die Verbindung zwischen Gutsherrin, Gutsland und örtlicher Bevölkerung durch ihre Enteignung und ihren Fortgang nicht gänzlich zerbrochen war. Die Bestattung der verstorbenen Gutsbesitzerin offenbarte die fortbestehende Kontinuität persönlicher Beziehungen und Loyalitäten zwischen ihr und der Dorfbevölkerung und stellte somit das offizielle Bild der „feudalen“, an der ökonomischen Ausbeutung ihrer Bauern interessierten Gutsherrin markant in Frage.

Das Begräbnis von Freda Gräfin von Schwerin war kein Einzelfall. Wiederholt finden sich in den 1950er und 1960er Jahren Anfragen aus der Bundesrepublik an Friedhofsverwaltungen und Kirchgemeinden in der DDR mit der Bitte, den enteigneten Gutsherren oder einem Familienmitglied, an seinem Heimatort begraben zu können. Zur Vermeidung von Loyalitätsbekundungen seitens der Bevölkerung wurden Anfragen ehemaliger Gutsbesitzerfamilien oftmals abgewiesen. 

Offenbar sollte die Stolper Pressekampagne abschreckend auf die in der Bundesrepublik lebenden, ehemaligen Gutsherren wirken. Wahrgenommen wurden die Ereignisse in Stolpe von zahlreichen adligen Familien in der Bundesrepublik allemal. Zeitungsausschnitte in Familienarchiven oder die Erwähnung in Rundschreiben sprechen dafür. Dennoch gelang es vielen adligen Familien, die seit 1945 im Westen lebten, den Wunsch ihrer verstorbenen Angehörigen zu erfüllen, zumal die Mehrzahl der ländlichen Friedhöfe weiterhin im Eigentum der Kirchen stand. Begräbnisse Adliger auf ihren ehemaligen Gütern zwischen 1945 und 1989 tendierten, je nach Standpunkt des Betrachters, zwischen Tradition und Provokation. Der Wunsch der verstorbenen Freda Gräfin von Schwerin in Stolpe begraben zu werden, demonstrierte neben ihrer persönlichen Verbundenheit mit dem ehemaligen Gut auch die gesellschaftliche Akzeptanz der Familie vor Ort – ungeachtet der Enteignung im Zuge der Bodenreform. Der schlichte Stein auf dem Stolper Friedhof verweist mithin einerseits auf das Bedürfnis der enteigneten Familien, Erinnerungszeichen in der ehemaligen Heimat zu schaffen und zeigt andererseits, wie sehr die SED die Infragestellung ihres Führungsanspruchs auf dem Land fürchtete.

(Text und Foto: Jakob Schwichtenberg, Doktorand am Historischen Institut)


Objekt des Monats Mai 2018

Akanthit (Silberglanz), St. Georg Fundgrube, Schneeberg, Erzgebirge, Sachsen, Fund 1477, Objektgröße 26,0 x 13,5 x 7,0 cm, Inv.-Nr. Min 4027 Sa MMG (Foto Archiv MMG Dresden) Senckenberg Naturhistorische Sammlungen Dresden (SNSD), Museum für Mineralogie und Geologie (MMG).

Silberstufe Nr. 4027

Das Objekt des Monats entfaltet auf den ersten Blick einen eher spröden Charme. Um es dennoch zum Sprechen zu bringen, beginnen wir mit einem Gedankenexperiment: Stellen wir uns vor, das Objekt des Monats stamme vom Mond. Intuitiv würden wir in seinen Zerklüftungen nach einer besonderen, extraterrestrischen Aura suchen. Vielleicht würden auch Assoziationen an Neil Armstrong, Operation Iron Sky oder Peterchens Mondfahrt geweckt. In jedem Fall würden wir das Objekt mit anderen Augen betrachten. Nun handelt es sich bei dem Objekt des Monats nicht um ein Stück Mond, sondern um die heute in Dresden befindliche Silberstufe Nr. 4027, deren Geschichte jedoch nicht weniger abenteuerlich ist: Angeblich stammt dieser Brocken Silbererz aus der legendären Schneeberger Wunderstufe von 1477.

Im Zuge des Auffindens neuer Silbererzlagerstätten im sächsischen Erzgebirge, so die Legende, wurde in der St. Georg Fundgrube in Schneeberg ein gewaltiger, 400 Zentner schwerer Silberbrocken gefunden. Der Anbruch war dermaßen groß, dass Herzog Albrecht von Sachsen kurzerhand in die Grube einfuhr, um auf der Silberstufe ein reiches Gastmahl einzunehmen. Voller Begeisterung soll Albrecht ausgerufen haben: Kaiser Friedrich III. (HRR) war zwar ein mächtiger und reicher Kaiser, aber auf einem Tisch von purem Silber konnte er nicht speisen!

Die Geschichte ist erstmalig 1530 dokumentiert und war in der Frühen Neuzeit überaus populär: Sie zirkulierte in Bildern, Gedichten und montanwirtschaftlichen Abhandlungen auch über den Alpenrand hinweg. Der Mythos vom unterirdischen Festmahl war nicht zuletzt deshalb so beliebt, weil er emblematisch für den schier unerschöpflichen Reichtum stand, den die Wettiner seit den 1470er Jahren aus ihren Bergwerken ziehen konnten. Im Laufe der Zeit wurde die Geschichte um zahlreiche Details angereichert und mit physischen Evidenzen belegt. Und hier kommt unser Objekt des Monats ins Spiel: In der kursächsischen Mineraliensammlung, dem Berggemach, taucht 1640 erstmalig die Erzstufe auf. Laut Inventar lag in der fünften Schublade des dritten Schranks eine „stufe schwartz derb glaß erzt“. Während es sich zunächst noch um einen geschichtslosen Brocken Glanzerz handelte, bekam dieser durch den Bergrat und Leiter des Naturaliencabinets Christian Heinrich Eilenburg 1755 eine Geschichte: „Wer zu wissen begehret, wie der unterirdische Tisch, aus gewachsenem Silber gesehen hat, worauf ehedem der Herzog Albrecht, mit etlichen seiner Räthe, Tafel gehalten“, könne Nr. 4027 betrachten. Damit wurde der Grundstein gelegt für die weitere Rezeption der Erzstufe, die bis heute als Nachweis für die berühmte Episode verhandelt wird.

Ob diese Erzstufe tatsächlich von der Schneeberger Wunderstufe stammt, ob diese wirklich 400 Zentner gewogen hat und ob das Ereignis so überhaupt stattgefunden hat, wird in der Forschung kontrovers diskutiert und kann am Ende nicht entschieden werden. Die Untersuchung der Rezeptionsgeschichte hingegen ermöglicht einen spannenden Einblick in zeitgenössische Wahrnehmungen und Deutungsmuster von Rohstoffen. Denn so trivial es auch klingen mag: Ob ein Metall als edel oder hochwertig angesehen und damit als abbauwürdig eingestuft wurde, ergibt sich nicht aus seinen chemisch-physikalischen Bedingungen. Es ist die Rahmung, die einem Brocken Silbererz seine kulturelle Bedeutung zumisst: Durch die Präsentation in der mineralogischen Sammlung und die Anbindung an eine geschichtliche Tradition wurde die Stufe im Laufe der Frühen Neuzeit in einen größeren Sinn- und Deutungshorizont eingebettet. Und hier schließt sich assoziativ der Bogen zu unserem Gedankenexperiment. Nach einer populären Vorstellung in der Frühen Neuzeit gab es eine enge Verbindung zwischen dem Wachsen von Metallen, ihren Eigenschaften und den bis dahin bekannten Planeten. Das kosmische Pendant zum Silber war nichts anderes als der Mond.

Weiterführende Literatur: Thalheim, Klaus: Das Silber von 1477 in der Sammlung des Museums für Mineralogie und Geologie Dresden, in: Rundbrief des Agricola-Forschungszentrums Chemnitz (Schloßberg-Museum), 2012, S. 6-14.

(Text: Franziska Neumann)


Objekt des Monats April 2018

Krönungsei von Fabergé © Faberge museum

Das Krönungsei von Fabergé (1897)

 

Am Ostermorgen kam es im Palast der russischen Zarenfamilie zu einem einmaligen Schauspiel. 1600 Bedienstete defilierten an Alexander III. vorbei, der allen die Wangen küsste und ein Osterei überreichen ließ. Höhe Ränge erhielten eines aus Email mit Edelsteinen verziert, die niedrigeren eines aus Porzellan. Seiner Gattin, der Zarin Maria Fjodorovna, schenkte der Zar ein Ei aus Gold, in dessen Innerem eine Henne auf goldenem Stroh saß.

Mit diesen Ostereiern aus der Werkstatt des russisch-französischen Goldschmiedemeisters Carl Fabergé begründete Alexander III. im Jahr 1885 eine Tradition, die einen frühneuzeitlichen russischen Brauch neu aufgriff. Seit dem 17. Jahrhundert gaben sich Russen zu Ostern geschmückte Eier und tauschten drei Küsse. Je nach sozialen Status wurden statt gewöhnlicher Hühnereiner zunehmend symbolische Eier aus Holz, Porzellan, Glas oder Metall verschenkt - oder eben aus Gold wie seit 1885. Das letzte Zaren-Ei gestaltete Fabergé vor dem Hintergrund des Weltkriegs deutlich schlichter aus karelischer Birke – die Auslieferung an „Herrn Nikolai Alexandrowitsch Romanow“ im März 1917 erlaubten die Bolschewiki ihm nicht mehr. Vielmehr ließ Lenin die rund 50 Eier, die Fabergé für die kaiserliche Familie und reiche Privatpersonen entworfen hatte, konfiszieren. Als Stalin 1928 für seinen ersten Fünfjahres-Plan Devisen brauchte, verkaufte er einen Großteil an westliche Kunsthändler; Kulturbeamte, die gegen den Ausverkauf protestierten, wurden als Konterrevolutionäre umgebracht.

Das goldene Krönungs-Ei, welches die Homepage des Historischen Institutes Rostock hier vorstellt, überreichte Zar Nikolaus II seiner deutschen Gattin Alexandra zu Ostern 1897. Es misst etwa 12,6 cm Länge. Die Überraschung im Inneren ist typisch für das Markenzeichen der Fabergé-Eier: die technische Perfektion des Inhalts. Im Inneren des Krönungseis befindet sich ein Miniaturmodell der Kutsche, in der das russische Zarenpaar nach der Krönung 1896 durch Moskau fuhr. Die Detailtreue geht so weit, dass sich beim Öffnen der Kutsche ein kleiner Fußsteig ausfaltet. Das Krönungs-Ei befindet sich derzeit in der Sammlung des russischen Oligarchen Wiktor Wekselberg in London.

Der historische Hintergrund der Krönung von 1896, die das Ei verherrlicht, zeigt jedoch die Ambivalenz imperialer Herrschaft. Die russische Dynastie ähnlich wie meisten europäischen Monarchen, antwortete auf die Empfänglichkeit der Massen für den Nationalismus mit vergleichbaren Mitteln. Auch Nikolaus II wollte seine Krönung als populäres Massenfest gestalten, zu dem riesige Bevölkerungsgruppen aus dem ganzen Reich eingeladen wurden. Doch die Erinnerung, welche die Bevölkerung mit der Krönung 1896 verband, war nicht die an prunkvolle Zeremonien und tagelange Freikost. Vielmehr waren es die vielen Toten auf dem Kodynka-Feld, die eine Massenpanik direkt nach der Krönung ausgelöst hatte. Mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und Fehleinschätzungen durch die Moskauer Polizei hatten dazu geführt, dass über tausend Menschen ums Leben kamen. Das Ereignis veränderte die Stimmung gegenüber dem neuen Herrscherpaar markant, dessen Intention gerade die Einbeziehung großer Bevölkerungsgruppen gewesen war. Die große Distanz zum Volk, welche die Macht der russischen Monarchie zu Beginn des Jahrhunderts begründet hatte, wurde am Ende des Jahrhunderts gegen eine Nähe eingetauscht, die eben diese Macht nicht mehr gewährleisten konnte.

Eine Dokumentation von arte „Fabergé – Ostereier für den Zaren“ (2008) zeigt die Geschichte der zarischen Eier: https://www.youtube.com/watch?v=ogO07DcoklQ

(Text: Prof. Dr. Ulrike v. Hirschhausen)


Objekt des Monats März 2018

Zugschild des internationalen Schnellzuges „Neptun“, 1992, Weißblech, Foto: Kulturhistorisches Museum

Zugschild des internationalen Express „Neptun“


Der internationale Expresszug „Neptun“ fuhr von 1964 bis 1992 täglich zwischen Berlin und Kopenhagen mit Zwischenstopp in Rostock und Warnemünde. Er war einer der modernsten Züge der DDR und ein zentrales Bindeglied im europäischen Bahnnetz des 20 Jahrhunderts, verband er doch Skandinavien über Berlin mit den Staaten Ost- und Südosteuropas.

Auch politisch war der Zug als deutsch-dänisches Kooperationsprojekt in Zeiten des Kalten Krieges eine Besonderheit. Da es auf deutscher Seite an geeigneten Schiffen und Infrastruktur fehlte, wurden die Fährverbindungen über die Ostsee in den 1950iger zunächst von Dänemark und Schweden aufrechterhalten. Durch die Einrichtung der sogenannten Vogelfluglinie, einer Fährverbindung zwischen dem westdeutschen Großenbrode und dem dänischen Gedser, sah sich die DDR unter Zugzwang. Man fürchtete einen Bedeutungsverlust der ostdeutschen Ostseehäfen und damit den Wegfall sowohl von Devisen als auch von politischem Einfluss in Skandinavien. Am 6. Dezember 1961, also wenige Monate nach dem Mauerbau, trafen das Ministerium für Verkehrswesen der DDR und das Ministerium für öffentliche Angelegenheiten des Königreichs Dänemark die Vereinbarung, die Linie Warnemünde-Gedser und die entsprechenden Zugverbindungen zukünftig gemeinsam zu betreiben.

Die Strecke Berlin-Kopenhagen hatte indes eine lange Tradition. Bereits 1886 ermöglichte der „Norddeutsche Loyd“ eine erste Bahnverbindung zwischen den beiden europäischen Hauptstädten. 1903 wurden in Warnemünde und Gedser schließlich moderne Fähranleger errichtet und die erste Eisenbahnfährverbindung zwischen Deutschland und Skandinavien eingeweiht. In der Rostocker Zeitung hieß es dazu: „Für den Hafen und Seebadeort Warnemünde wird mit der Vollendung des Dampffährprojektes eine neue Ära anbrechen. Der Ort ragt aus der Zahl der kleinen Ostseehäfen hervor und wird zum Ausgangspunkt eines internationalen Verkehrsstromes“.

Tatsächlich stellten sich die Fähren als äußert profitabel heraus und der Personen- und Güterverkehr wuchs, lediglich durch den Ersten Weltkrieg unterbrochen, stetig an. Die modernen Eisenbahnfähren machten Rostock in den 20iger Jahren nicht nur zu einer wichtigen Station des internationalen Bahnverkehrs sondern wurden auch von den Rostockern und den Touristen in Warnemünde in großem Maße für Tagesausflüge nach Gedser wahrgenommen. Die Fährverbindung hatte sich in vielfacher Hinsicht als erfolgreicher Brückenschlag über die Ostsee erwiesen.

Das von ostdeutscher Seite betriebene Wiederaufleben dieser zentralen europäischen Bahnlinie stand nach dem Mauerbau allerdings unter vollkommen veränderten Vorzeichen. In den Zügen saßen kaum DDR Bürger, die Schnelltriebwagen waren für den Binnenverkehr gesperrt und kamen auch in den Kursbüchern der DDR nicht mehr vor. Auf der Fahrt von Berlin nach Kopenhagen stiegen in Rostock Mitarbeiter der Staatssicherheit zu und führten umfangreiche Kontrollen der Passagiere und der Zugabteile durch. Der Bahnsteig 4 im Bahnhof Warnemünde, auf dem man die Waggons bis zur Verladung auf die Fähre bewachte, war mit Sichtblenden, Postentürmen und Hundezwingern unverkennbarer Teil der DDR-Außengrenze. Für die Rostocker blieben die Eisenbahnfähren zwar Teil des Stadtbildes, deren Ziel aber, das nahe Gedser, waren für sie unerreichbar. Mit dem Mauerfall standen die Eisenbahnfähren zwar wieder jedem offen, konnten sich aber im Zuge der Privatisierung nicht gegen die Konkurrenz der reinen Autofähren behaupten.

(Text: Ullrich Klein, M.A.)


Objekt des Monats Februar 2018

Grabmonument Widukinds in der Stiftskirche zu Enger

Bild: Nadine Holzmeier

Widukind ist bis heute ein wichtiger Bestandteil westfälischer und teilweise auch niedersächsischer Erinnerungskultur. So schmückt sich der Kreis Herford und seine Touristikgemeinschaft heute mit dem Titel „Wittekindsland“ und Widukind ist weder aus den Straßennamen noch aus der Namenswahl örtlicher Geschäftsleute wegzudenken. Die Zeile „Heil Herzog Wittekinds Stamm…“ im Refrain des Anfang des 20. Jh. entstandenen Niedersachsenliedes stellt diesen Bezug ebenso her. Der Weg vom widerständigen Helden zum „Markenbotschafter“ diverser Stadtmarketingkonzepte in der westfälischen Provinz wirkt zwar auf den ersten Blick ein wenig skurril, zeigt jedoch die bis heute währende Verankerung einer historischen Figur im kulturellen Gedächtnis und Selbstverständnis einer Region.

Aber wer war Widukind, den das überlebensgroße, figürliche Relief auf der Oberseite in der Apsis der Stiftskirche zu Enger zeigen soll? Als Gegner Karls des Großen in den Sachsenkriegen findet der sächsische Adlige Erwähnung in den fränkischen Reichsannalen. Zwischen 772 und 785 wird dort von erbitterten Kämpfen zwischen Franken und Sachsen berichtet und Widukind als Anführer der sächsischen Aufstände gegen die Franken genannt. Ob die Stiftskirche zu Enger wirklich die letzte Ruhestätte Widukinds ist, ist umstritten, jedoch ist das Sandsteinrelief ein steinernes Zeugnis für eine bereits im Mittelalter einsetzende Verehrung des Sachsenherzogs. Kunsthistorisch datiert in die Zeit um 1100, gehört es zu den frühesten großplastischen Werken in Deutschland. Das Relief zeigt einen jungen Mann im Herrscherornat, mit einer Spangenkrone und einem Lilienzepter in der vom Gewand teilweise verhüllten linken Hand, die rechte Hand wie zum Segensgestus erhoben. Insignien und Gestus lassen Widukind sowohl königlich als auch christlich erscheinen. König war er jedoch nie, Christ wurde er erst spät: nach seiner Unterwerfung im Jahre 785 ließ er sich in der Königspfalz Attigny taufen. Das Grabmal zeugt von einer bis ins Mittelalter zurückreichenden Idealisierung und mythischen Verehrung und war zeitweise sogar Wallfahrtsort. Im Fokus dieser frühen Verehrungsphase stand dabei die Förderung des Christentums, weniger sein Widerstand gegen den Frankenkönig Karl.

Bild: Nadine Holzmeier

Im 19. Jh. wurde hingegen das Element des Widerstands betont als Widukind, neben Barbarossa im Kyffhäuser oder Arminius, Teil eines national aufgeladenen Mythenschatzes wurde. Dieses Motiv findet sich auch in der Widukindrezeption des Nationalsozialsozialismus. Widukind war zunächst gut geeignet, die ideologische Programmatik anschaulich zu verkörpern. Das kollektive „Erinnern“ an einen starken und widerständigen Stammvater wurde in Enger aktiv betrieben und bekam die zusätzliche Komponente des heidnisch-germanischen Widerstandes gegen das aufgezwungene Christentum. Auf der Suche nach den „germanischen“ Wurzeln schuf besonders die pseudowissenschaftliche SS-Organisation „NS-Ahnenerbe“ Erinnerungsorte, an denen die völkisch-germanische Ideologie erfahrbar gemacht und identitätsstiftend wirken sollte. 1939 wurde so in Enger eine Gedenkstätte eingeweiht, welche den Widukindmythos entsprechend aufbereitete und durch die Verbindung mit vorhandenem regionalem Brauchtum zu verankern suchte. Der „Held“ Widukind hat im Verlauf der Zeit also offensichtlich verschiedene Deutungen erfahren, das Grabmonument mit seinem Relief zeugt dabei von der frühesten bekannten Verehrungsphase im Hochmittelalter. (Text: Nadine Holzmeier)


Objekt des Monats Januar 2018

Das Maxim-Maschinengewehr

© IWM (FIR 9397)

„Whatever happens, we have got/the Maxim gun, and they have not.“ Mit diesen Worten fasste der britische Schriftsteller Hillaire Belloc im Jahr 1898 die koloniale Situation pointiert zusammen. Dank der waffentechnischen Überlegenheit würden die Kolonialherren aus allen Konflikten mit den Kolonisierten als Sieger hervorgehen, selbst wenn auf 450 Europäer wie beispielsweise in Deutsch-Ostafrika im Jahr 1900 etwa 8-10 Millionen Einheimische kämen.
Diese militärische Überlegenheit war tatsächlich ein relativ junges Phänomen, das erst im 19. Jahrhundert wirklich spürbar wurde. Erst in den 1880ern hatte der amerikanisch-britische Erfinder Hiram Stevens Maxim das erste tragbare und nach ihm benannte Maschinengewehr konstruiert, das die Kräfteverhältnisse auf den kolonialen Schlachtfeldern noch einmal entscheidend zu Gunsten der Europäer verschob. Besonders deutlich wurde dies 1898 in der Schlacht von Omdurman im Sudan. Dort fügte ein mit Maxims ausgerüstetes anglo-ägyptisches Heer einem zahlenmäßig weit überlegenen Gegner, den islamischen Truppen des Mahdis, Verluste in Höhe von 11.000 Menschenleben zu, während die Briten lediglich 48 eigene Tote hatten.

Afrikaner und Asiaten realisierten meist schnell, dass sie in der offenen Feldschlacht chancenlos waren und stellten ihre Taktik um. Sie agierten zunehmend als Guerillas, die sich als friedliche Bauern tarnten, wenn starke koloniale Truppen in der Nähe waren, um später kleine Kolonnen aus dem Hinterhalt zu attackieren. Diese – aus europäischer Sicht – „feige“ und „hinterlistige“ Kampfweise schien einmal mehr zu bestätigen, dass man es in den Kolonien mit „wilden Eingeborenen“ zu tun habe, die sich nicht an die Regeln der „zivilisierten Kriegsführung“ hielten und dementsprechend auch nicht unter den Schutz der Genfer Konventionen zu stellen seien. Vor diesem Hintergrund schienen auch „Strategien der verbrannten Erde“, die auf die systematische Zerstörung der Lebensgrundlage ganzer Bevölkerungsgruppen zielten, vertretbar. Somit trug die Erfindung des Maxim-Maschinengewehrs in zweifacher Hinsicht zur Radikalisierung des Kolonialkrieges bei: Unmittelbar durch die vervielfachten Todeszahlen in offenen Feldschlachten und mittelbar durch die resultierende Eskalationsspirale von Guerillakrieg und Konterguerillamaßnahmen. Mehr Informationen und Bilder finden Sie hier: http://www.iwm.org.uk/collections/item/object/30034916

(Text: Dr. Jonas Kreienbaum)


Objekt des Monats Dezember 2017

Der Schlüssel der Bastille


Der Schlüssel der Bastille, dem zentralen Gefängnis von Paris, war ein transatlantisches Geschenk der besonderen Art. Im Frühjahr 1790 wurde der Schlüssel aus der von Revolutionsstürmen erschütterten französischen Hauptstadt nach New York gebracht und George Washington, dem gerade berufenen, ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, übergeben.

Copyright Mount Vernon Ladies´Association

Was erklärt diese transatlantische Gabe? Warum wanderte ein organisatorisch so wichtiger und symbolisch so aufgeladener Gegenstand wie der Zentralschlüssel des Pariser Gefängnisses 1790 in die Hände eines Amerikaners? „Amerikanische Prinzipen … haben die Bastille geöffnet…darum kommt der Schlüssel an den richtigen Platz“, begründete es der Brief, der den nachtblauen Schlüssel, etwa 1 Pfund schwer und 18 Zentimeter lang, nach New York begleitete. Gesandt hatte den Schlüssel der französische Adlige, Revolutionär und General, Marie-Joseph Marquis von Lafayette. Lafayette war in den 1770er Jahren als Neunzehnjähriger nach Nordamerika gesegelt, um unter Washington für die Unabhängigkeit der Kolonien von Großbritannien zu kämpfen. Die enge Freundschaft zwischen Washington und Lafayette, die sich während der Unabhängigkeitskämpfe in Amerika entwickelte hatte, wurde während der Freiheitskämpfe in Paris neu aktualisiert: Denn Frankreich holte aus Sicht beider Männer jetzt das nach, was die USA zehn Jahre zuvor realisiert hatten.

Lafayette stand auch in Paris auf der Seite der Revolutionäre, als etwa 8000 bewaffnete Pariser Bürger am 14. Juli 1789 das Pariser Gefängnis, die Bastille, belagerten. Der Kampf gegen die Soldaten des französischen Königs war eher symbolisch, denn in der Bastille war kaum etwas - und schon gar keine politischen Gefangenen. Doch handlungsleitend war die Symbolik. Denn als die Pariser das leere Gefängnis stürmten, war ein Symbol des französischen Despotismus in den Händen des Volks und damit der reale Machtwechsel vom König zur Nationalversammlung erzwungen. Genau diese Symbolik verdeutlichte der Schlüssel, den Lafayette mit pathetischen Worten an Washington sandte: „Erlauben Sie mir, verehrter General, … Ihnen den Hauptschlüssel dieser Festung des Despotismus zu senden – als ein Tribut, den ich Ihnen schulde wie ein Kämpfer um die Freiheit sie dem Begründer dieser Freiheit schuldet.“

George Washington wusste, wie man ein Objekt dieser Klasse in Szene setzte: als Symbol für den Sieg des globalen Freiheitskampfes. Im August 1790 lud er alles, was in New York, der damaligen Hauptstadt der USA, Rang und Namen hatte, zu sich ein und präsentierte in der Mitte des Salons den nachtblauen Schlüssel der Bastille – ein „blockbuster exhibit“ (S. Georgini, Smithsonian.com), dessen Weg von Paris nach New York von der amerikanischen und französischen Öffentlichkeit entsprechend als Sieg der Freiheit über Unterdrückung gefeiert wurde. Wie situativ die transatlantischen Verflechtungen zwischen amerikanischen und französischen Revolutionären indes waren, zeigt der Wechsel der amerikanischen Politik weniger Jahre später. Washington, der mit dem französischen Schlüssel Beschenkte, kündigte bereits 1793 den politischen Rückzug der USA aus den europäischen Entwicklungen an, die sich immer wieder durch das 19., 20. und 21. Jahrhundert ziehen würde. Der Schlüssel hängt seit den 1790er Jahren in der Eingangshalle von Mount Vernon, dem Wohnhaus Washingtons in Virginia/USA, wo er besichtigt werden kann. Seinen heutigen Ort sehen Sie hier: http://www.mountvernon.org/site/virtual-tour/poi/29.html

(Text: Prof. Dr. Ulrike v. Hirschhausen)


Objekt des Monats November 2017

Das Frauendenkmal in Bloemfontein


Das 1913 eingeweihte „Nasionale Vrouemonument“ erinnert an das Leiden und Sterben der burischen Zivilbevölkerung in den Konzentrationslagern während des Südafrikanischen Krieges (1899-1902). Das britische Militär hatte auf die Guerillataktik der burischen Kommandos mit der Errichtung von Lagern reagiert, in denen sie mehr als eine Viertelmillion Menschen – weiße Buren, ebenso wie Afrikaner – internierte. Auch wenn es sich bei diesen Lagern nicht um Orte der gezielten Vernichtung handelte, kamen in ihnen aufgrund der schlechten Versorgungslage und ausbrechender Epidemien vermutlich über 50.000 Insassen ums Leben.

Das Monument besteht aus einem 36,5 Meter hohen Obelisken, einer zentralen Bronzeplastik, die zwei trauernde Frauen mit einem sterbenden Kind im Lager von Springfontein zeigt, und zwei flankierenden Reliefs. Eine Inschrift erklärt, dass dieses „nationale Denkmal“ den 26.370 Frauen und Kindern gewidmet ist, die in den Konzentrationslagern umgekommen sind. Mindestens so interessant wie das, was es zeigt, ist allerdings, was das Monument auslässt. Es verweist weder auf die etwa ähnlich große Zahl der afrikanischen Opfer in den sogenannten „black camps“ – ebenfalls meist Frauen und Kinder –, die auch in der Geschichtswissenschaft bis in die 1980er Jahre gänzlich ignoriert worden sind. Noch erwähnt es, dass ebenfalls mehr als 1500 burische Männer in den Lagern starben. Gerade angesichts dieser Leerstellen ließ sich das Denkmal im Laufe der folgenden Jahrzehnte problemlos in das Projekt des Afrikaander-Nationalismus einbinden, der Südafrika ab 1948 dominieren sollte. Den nationalistischen Narrativen folgend, hatten die burischen Männer durchweg bis zum „bitteren Ende“ gegen die Briten und für die Unabhängigkeit der Burenrepubliken des Transvaal und Oranje Freistaates gekämpft. Dass es eine nennenswerte Anzahl von Männern gab, sogenannte „Handsupper“, die freiwillig Unterschlupf in den britischen Lagern suchten, um nicht weiter für die burische Sache kämpfen zu müssen, passte nicht ins nationale Narrativ. Dementsprechend hatte auch ihr Tod auf dem „nationalen Denkmal“ nichts verloren.

(Text: Dr. Jonas Kreienbaum)


Objekt des Monats Oktober 2017

Hanseatenkrause


Walter Kempowski beschreibt in seinem Roman „Uns geht’s ja noch gold“ den ersten Gottesdienst in der Rostocker Marienkirche nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch ein auffälliges Kleidungstück des Superintendenten, der die Predigt hielt, hielt er für erwähnenswert: die ausladende Halskrause, auch „Mühlrad“ genannt, nur sehr aufwändig mit einem durch den Krieg geretteten Spezial-Plätteisen in Form zu halten.

Prof. Dr. Thomas Klie - Universitätsprediger an der Universitätskirche Heilig Kreuz

 

Diese Krause ist aufgrund ihrer heute weitgehend auf einige norddeutsche Hansestädte – vor allem Hamburg und Lübeck – beschränkten Verbreitung auch als „Hanseatenkrause“ bekannt. Auch in Dänemark und Grönland ist sie nach wie vor Teil der Dienstkleidung protestantischer Pastoren. In Rostock, wo sie in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg außer Gebrauch geriet, kann sie seit kurzem wieder als Teil der Ausstattung des Universitätspredigers bewundert werden. Auf unserer Darstellung trägt Prof. Dr. Thomas Klie sie als Universitätsprediger auf der Kanzel der Universitätskirche.

Zweifellos, die Halskrause ist ein eher umständliches, aus gestärktem weißen Leinen bestehendes Kleidungsstück, nicht gerade bequem zu tragen und vergleichsweise aufwändig in der Pflege. Aber es geht bei ihr gerade nicht um lässige und spontane casualness. Sie ist vielmehr hochgradig symbolisch aufgeladen, und diese Symbolik hat im Laufe der Zeit auch Änderungen erfahren. Entstanden ist sie in Spanien, wo sie zu einem Element der Hoftracht avancierte. Ausdrücken sollte sie dabei Würde, Distanziertheit und Strenge – mithin zentrale Werte der spanischen Hofkultur, die im 16. Jahrhundert zum Maßstab für distinguiertes Auftreten der europäischen Eliten wurde, für Gravität (spanisch gravedad). Sie wurde in Kombination mit dunkler, talarartiger Oberbekleidung getragen. Diese Art der Außendarstellung erlebte im 16. und frühen 17. Jahrhundert eine bemerkenswerte Konjunktur. Sie war in der Tat für eine Zeit, in der sich die Eliten vom gemeinen Volk abgrenzen und bestimmte Werte und Normen ausdrücken wollten, wie gemacht. Das von ihr begünstigte „gravitätische“ Auftreten diente dem Adel dazu, seine Tugenden zur Geltung zu bringen, ermöglichte den Amtmännern in den aufsteigenden Verwaltungen und Würdenträgern in den wachsenden Staats- und Kirchenapparaten, Distanz zu den vielen sozialen Bindungen, die das Gemeinwohl gefährdeten, auszudrücken oder doch wenigstens vorzutäuschen. Als „Würdenkrause“ hat Thomas Mann im „Zauberberg“ diese Funktion auf den Punkt gebracht.

Und mehr noch: die blütenweiße Farbe der Halskrause (in bewusstem Kontrast zum würdigen Schwarz des Talars) symbolisierte zudem Reinheit, eine Tugend, die dem evangelischen Prediger, der nur das reine Gotteswort auszulegen hat, gut zu Gesicht stand. Bemerkenswert ist, dass die Würdenfunktion der Krause die Konfessionsgrenzen übersprang, den Hals des spanischen Hofmanns ebenso schmückte wie den des niederländischen Großkaufmanns oder des norddeutschen Pastors. Als Ausdruck protestantischer Strenge und theologischer Reinheit blieb sie erhalten, während sie in der Hofkultur in der Mitte des 17. Jahrhunderts außer Mode geriet. Denn das gravitätische Ideal des spanischen Hofzeremoniells machte zunehmend der leichtfüßigeren honnêteté des französischen Hofadels Platz. Dabei lässt sich auch eine politische und nationale Symbolik der Halskrause erkennen: In Frankreich wurde sie Mitte des 16. Jahrhunderts nur kurz heimisch, und zwar vor allem im streng katholischen, der spanischen Krone nahestehenden Teil des Adels. Sie nicht zu tragen hieß, den spanischen Einfluss auf Frankreich abzulehnen. Somit ist die Halskrause Träger vieler und sich wandelnder Bedeutungen und auch ein markantes Beispiel für Kulturtransfer, von der höfischen Welt der iberischen Halbinsel bis auf die Kanzeln des nördlichen Europa.

(Text: Prof. Dr. Hillard von Thiessen)


Objekt des Monats September 2017

Foto: Dr. Maria Framke

Das Grab von Jaskaran Singh


Das Grab des indischen Soldaten Jaskaran Singh ist auf dem Indischen Friedhof Zehrensdorf im Brandenburgischen zu finden. Der Grabstein gibt Auskunft, dass der Hindu-Soldat, Angehöriger des Infanterieregiments der 89th Punjabis am 5. Februar 1915 verstarb. Prominent ist auf dem Stein das Mantra „Om Bhagvate namaha“ (Mit der Gnade Lord Vishnus) eingraviert.

Indische Soldaten – Hindus, Muslime und Sikhs – kämpften im Ersten Weltkrieg neben anderen kolonialen Truppen aus Afrika und Asien auf der Seite der Entente auch auf den europäischen Schlachtfeldern.

In der Nähe von Zossen entstanden im Kriegsverlauf mehrere Kriegsgefangenenlager für Soldaten aus aller Welt. Die dort inhaftierten Männer, insbesondere diejenigen aus Südasien, wurden von deutschen Wissenschaftlern, z. B. von Linguisten, Ethnologen und Musikwissenschaftlern, intensiv untersucht. Einen Teil ihrer Ergebnisse beherbergt das Lautarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin: www.lautarchiv.hu-berlin.de. Nach Kriegsende kehrten die meisten von ihnen in ihre Heimatländer zurück.

Die während der Internierung gestorbenen Kriegsgefangenen, aus Britisch Indien, Nord- und Westafrika, Georgien oder Armenien, wurden ab 1914 in einem Extrabereich des Zehrendorfes Dorffriedhofes bestattet. Der Friedhof hatte in den folgenden Jahrzehnten eine bewegte Geschichte. Nach Kriegsende übernahm die britische Kriegsgräberkommission die Verantwortung für die Gräber der Angehörigen der britischen Armee. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet des Friedhofs ab 1952 als sowjetischer Truppenübungsplatz zum militärischen Sperrgebiet. Das führte zur Zerstörung eines Großteils der ursprünglich aufgestellten Gräber und Ehrenmale. In den frühen 2000er Jahren begann dann die Wiederinstandsetzung des Friedhofes durch die Stadt Zossen in Zusammenarbeit mit der Commonwealth-War-Graves-Commission; so wurden z. B. die Commonwealth-Gräber und somit auch das Grab von Jaskaran Singh neugestaltet. Die Geschichte des Ersten Weltkriegs ist lange als eine primär europäische Geschichte geschrieben und verstanden worden. Dass es jedoch ebenso wichtig ist, seine Auswirkungen auf die Kolonien und die – oftmals nicht freiwilligen – Beiträge der kolonialisierten Menschen in den Blick zu nehmen, zeigt das zu kurze Leben von Jaskaran Singh. 

(Text: Dr. Maria Framke)


Objekt des Monats August 2017

Foto: Mario Niemann

Mäkelborger Döschflägel

 

Der Dreschflegel, ein etwa 1,20 m langer Stiel, an dem ein Schlagholz beweglich befestigt war, diente den Bauern und Landarbeitern noch bis in das 20. Jahrhundert hinein zum Ausdreschen des im Sommer geernteten Getreides. Die Drescher schlugen mit dem Dreschflegel solange auf die in der Scheune bereit gelegten Getreidebündel, bis alle Körner herausgefallen waren. Das Korn wurde dann vom Stroh und der Spreu getrennt und konnte anschließend in einer Mühle zu Mehl gemahlen und damit für die Ernährung nutzbar gemacht werden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Dreschflegel allmählich durch die Dreschmaschine, ab den fünfziger Jahren dann durch den Mähdrescher ersetzt. Damit gehörte die schwere Arbeit des manuellen Dreschens der Vergangenheit an. An sie erinnert auch heute noch die Redensart „hei ät as ’n Schünendöscher“, wenn jemand mit großem Appetit oder sehr viel ißt.

(Text: Prof. Dr. Mario Niemann)


Objekt des Monats Juli 2017

Tipu's Tiger © Victoria and Albert Museum, London

Tipus Tiger

 

Tipu‘s Tiger, gebaut ca. 1793 in Mysore/Südindien, ist ein lebensgroßer Automat, der einen Tiger bei der Attacke auf einen britischen Soldaten zeigt. Den Automaten aus bemaltem Holz und Metall ließ Tipu Sultan (1750-1799), der Herrscher von Mysore, während seiner Kriege gegen die Armee der East India Company bauen. Im Inneren des Tigers befindet sich eine kleine Orgel-Klaviatur mit 17 Tasten. Der Automat wird mit einer äußeren Kurbel angetrieben und erzeugt entsprechende Geräusche, wie das Brüllen des Tigers und die Schreie des britischen Soldaten. Die für die Pfeifen verwandte Bronze stammt aus Mysore und wurde mit vermutlich französischer Mechanik kombiniert.

Was den Automaten so interessant macht, ist die enorm politische Botschaft, die sein Besitzer, Tipu Sultan, damit verband. Der indische Herrscher war einer der erbittertsten Gegner der britischen Expansion nach Indien. Vor allem durch den Import europäischer Waffentechnik und deren Weiterentwicklung in Mysore durch indische und angeworbene französische Ingenieure und Mechaniker stellte er eine hochmoderne Armee auf, welche die Soldaten der britischen East India Company nur durch Militärbündnisse mit den benachbarten indischen Herrschern besiegen konnten.

Tipu’s Tiger visualisiert zum einen die aktive Gegnerschaft dieses indischen Herrschers gegenüber den Briten, die erst in einem langwierigen Prozess Teile des Subkontinents zu erobern imstande waren. Zum anderen verweist der Gegenstand auf die technologische Modernität, die aus der Fusion indischer und europäischer Mechanik vor Ort erwuchs. Nach dem britischen Sieg über Tipu Sultan 1799 wurde der Automat in das Museum der East India Company gebracht und steht heute im Victoria and Albert Museum/London. Folgendes Video zeigt, wie er heute, über 200 Jahre nach seiner Herstellung, noch benutzt werden kann: https://www.youtube.com/watch?v=hhIIEv5Rt9g

(Text: Prof. Dr. Ulrike v. Hirschhausen)