Emotionale Geographien. Die deutsche Furcht vor dem Osten und die polnischen Juden 1772-1897

Aktuelles Forschungsprojekt von Dr. Malgorzata Maksymiak

Das Forschungsprojekt nimmt die historische Semantik des Images von osteuropäischen Juden im Kontext der polnisch-deutsch-jüdischen Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts in den Blick. Es erörtert die bis heute unklaren Umstände der Entstehung und Entfaltung des Bildes vom osteuropäischen Juden bis zu seiner Kodierung im Adjektiv ostjüdisch (1897) und anschließend im Begriff Ostjude (1903). Die im Projekt nachzuzeichnenden deutschen Debatten über den befürchteten Zuzug und Ausgrenzung der polnischen Juden in Brandenburg-Preußen und Mecklenburg-Schwerin bilden den geographischen Ausgangspunkt des Projektes. Beide Staaten waren Grenzregionen und Ziel der jüdischen Zuwanderung aus dem Osten Jahrzehnte vor Preußens Gang nach Osten 1772 gewesen. Jedoch erst 1772 entrollte Preußen - und anschließend auch Mecklenburg-Schwerin - das „demographische Problem“, das zum Kernargument der späteren, Deutschland übergreifenden Debatten um die Emanzipation der Juden wurde. Wie die Verschränkung der soziokulturellen Entität Osten mit der religiös-ethnischen und gar rassischen Kategorie Jude und der emotionalen Kondition Furcht die Etablierung des Images von dem bedrohenden Ostjuden bewirkte, wird im Projekt in den Momenten einer allgemeinen, die norddeutschen Grenzregionen erfassenden Verunsicherung beobachtet, etwa nach der Ersten Teilung Polens bis zu den ersten Edikten der bürgerlichen Gleichstellung der Juden 1772-1813, der Restaurationszeit nach dem Wiener Kongress bis zum Widerruf der Emanzipation und den Hep-Hep-Pogromen 1815-1819, um das Revolutionsjahr 1848 und in der Zeit von der deutschlandweiten bürgerlichen Gleichstellung der Juden 1871 bis zum Berliner Antisemitismusstreit 1879. Ergänzt wird diese Analyse des deutschen nichtjüdischen Diskurses über die polnischen Juden um eine Auseinandersetzung mit der jüdisch-deutschen Furcht vor dem Osten und dem polnischen Juden seit 1850, die als Transfer des nichtjüdischen Diskurses in das innerjüdischen Geschehen gelesen wird.