Objekt des Monats Januar 2021

Am Freitag, den 20. August 1148, verstarb Anna, die Mutter eines Mannes namens Grisandus, der als Kleriker unter Roger II. tätig war. Ihr Sohn ließ sie zunächst in der Kathedrale von Palermo beisetzen, wo ihr Grab durch eine schlichte Grabplatte markiert wurde, auf der eine lateinische Inschrift zu finden war. Dieses erste Epitaph ist heute nicht mehr erhalten.

Grisandus begann daraufhin eine Kapelle in der griechischen Kirche San Michele de Chufra (später unter San Michele Arcangelo bekannt) in Gedenken an seine Mutter zu errichten. Diese Kapelle wurde schließlich im April 1149 fertiggestellt und die Gebeine seiner Mutter Anna wurden an einem Freitag, den 20. Mai 1149, in die neue Grablege überführt. Dort wurde das Grab vorerst sowohl mit der ersten lateinischen Grabplatte als auch mit einer neu hinzugefügten, viersprachigen Marmorplatte markiert. Dabei handelte es sich um ein unregelmäßiges Polygon mit sechs Ecken, von denen vier ein nahezu reguläres Rechteck bilden, während die übrigen zwei Ecken mittig zulaufend den oberen Abschluss des Grabsteins bilden. Diese Form erinnert auf den ersten Blick an ein Haus, was in der Symbolik eines Grabes als „domus aeterna“ nicht ungewöhnlich erscheint. Der Grabstein misst 40 cm in seiner Länge und 32 cm in seiner Höhe, wenn die mittlere Achse gemessen wird.

Die Anordnung der unterschiedlichen Elemente auf dem Grabstein ist klar strukturiert: Das zentrale Motiv ist das mittig eingefügte griechische Kreuz, welches zusätzlich durch farbige Stein-Inkrustationen hervorgehoben wird, die sich in kleinen seitlich schrägen Feldern um das Kreuz befinden und ihm so eine quadratisch-anmutende Rahmung geben. Die Mittenbetonung wird weiterhin durch die beiden seitlich symmetrischen Schrägen des oberen Teils unterstützt, die außerdem auch dazu dienen, den oberen Teil der Grabplatte mit dem Unteren optisch zu verbinden. Innerhalb der Einkreisung und zwischen den vier Kreuzarmen wurden in den vier freien Feldern die abgekürzten griechischen Inschriften IC. XC. NIKA eingefügt, was für „Jesus Christus siegt“ steht – eine gängige Inschriftenformel in der griechischen Epigraphik, was wiederum deren Einfluss auf die lateinische Epigraphik Siziliens zeigt.

Um das Kreuz in der Mitte ordnen sich die vier mehrsprachigen Inschriften-Tafeln. An den Seiten finden sich die christlichen Inschriften: die Lateinische auf der linken sowie die Griechische auf der rechten Seite des Kreuzes. Unterhalb steht die arabische und oberhalb findet sich die hebräische Inschrift. Die mehrsprachigen Inschriften sowie die darin enthaltenen Informationen lassen auf eine multikulturelle sowie auch multireligiöse Familie schließen. Grisandusʼ Mutter Anna war höchstwahrscheinlich eine dem östlichen Christentum angehörende Griechin oder zumindest Nachfahrin von Griechen. Sein Vater Drogo entstammte wohl der normannischen Führungsschicht. Grisandus selbst reiht sich daher mit seiner Position als Kleriker am Hof Rogers II. in eine Führungsschicht ein, die exemplarisch für eine interkulturell aufgestellte Administration war.

Das viersprachige Anna-Epitaph spiegelt wie wenig andere Quellen die vier zentralen Sprach- und Kulturgruppen Siziliens und somit die Komplexität des multikulturellen Mittelmeerraums des Hochmittelalters wider. Die hier ausgewählte Grabinschrift des Grisandus ist das Zeugnis einer Familie, die als Beispiel für die kulturelle Diversität der Mittelmeerinsel gelten kann.

(Hanna Wichmann, Promotionsstudentin am Historischen Institut)