Objekt des Monats - Mai 2022

Der bekannteste Eispickel der Welt

Der Eispickel, wie er heute im International Spy Museum in Washington ausgestellt wird (Foto Copyright: Spy Museum Washington, “Trotsky Ice Axe”)

Leo Trotzki saß lesend an seinem Schreibtisch, als unvermittelt ein Eispickel seinen Schädel spaltete. Der russische Revolutionär und Gründer der Roten Armee schrie laut auf, versuchte erfolglos seinen Angreifer zu fassen zu bekommen und sank dann zu Boden. 24 Stunden später, am 21. August 1940, verstarb der neunundfünfzigjährige Trotzki im Krankenhaus. Der Eispickel, mit dem er erschlagen wurde, ist seitdem eine der bekanntesten Mordwaffen der Weltgeschichte. Lange galt der Pickel als verschwunden - erst seit 2018 kann ihn die Öffentlichkeit wieder begutachten. Welche Geschichte verbirgt sich hinter der Mordwaffe?

Der Mord an Trotzki trug sich im Vorort Coyoacán der mexikanischen Metropole Mexico City zu. Dorthin war der russische Revolutionär, der in Stalins Ungnade gefallen war, 1937 ins Exil geflohen. In seinem Anwesen begrüßte Trotzki regelmäßig Freunde und Freundinnen wie etwa die berühmte Malerin Frida Kahlo und ihren Mann Diego Rivera, mit denen er Texte besprach und sich über die Weltlage und die Chancen einer Weltrevolution unterhielt. Trotzki und seiner Frau Natalja Sedowa war bewusst, dass ihr Leben in Gefahr war, da Stalin bereits zuvor Mordanschläge in Auftrag gegeben hatte, die indes dilettantisch geblieben waren. Doch ein vermeintlicher Freund – der spanische Sowjetagent Ramón Mercader hatte sich als amerikanischer Geschäftsmann Frank Jacson ausgegeben und sich mit Trotzkis Sekretärin verlobt – wurde Leon Trotzki zum Verhängnis. Obwohl er auch mit einer Pistole ausgestattet war, benutzte Mercader den mitgebrachten Eispickel um Trotzki zu erschlagen. Der Mörder wurde nach der Tat von der mexikanischen Polizei festgenommen und saß 20 Jahre lang in Mexiko im Gefängnis. Seinen Lebensabend konnte Mercader – der von Stalin als als Held der Sowjetunion ausgezeichnet wurde - auf freiem Fuß auf Kuba verbringen, wo er 1978 verstarb. Trotzkis Leichenzug wurde im Sommer 1940 von 300.000 Menschen in Mexiko City begleitet.

Die mexikanische Polizei präsentierte 1940 den Eispickel als Mordwaffe, behielt ihn als Beweismittel und stellte ihn später im Polizeimuseum aus. In den 1960er Jahren verliert sich die Spur des Eispickels, der seitdem nicht mehr im Museum zu finden war. Für über 40 Jahre galt die sagenumwobene Mordwaffe als verschwunden. Im Jahr 2005 tauchte sie wieder auf und wurde zum Verkauf angeboten: Ana Alicia, die Tochter des ehemaligen Präsidenten des Polizeimuseums, welcher den Pickel als Abschiedsgeschenk erhalten haben soll, verkaufte sie für eine unbekannte Summe an den Sammler und Historiker Keith Melton. Dieser wiederum spendete sie 2017 dem International Spy Museum in Washington. Dort kann die Öffentlichkeit sie seit wenigen Jahren nun betrachten. Ob es sich tatsächlich um den „richtigen“ Pickel handelt, könnte eine DNA-Analyse beweisen. Trotzkis Enkel, Esteban Volkov, ist dazu jedoch unter den gegebenen Umständen nicht bereit. Als Kind sah der kleine Esteban seinen Großvater in Blut getränkt auf dem Boden liegen: ein erneutes Aufrollen des Mordes an Leo Trotzki und der Mordwaffe erscheint derzeit unwahrscheinlich.

 

(Text: Dr. Thomas Lindner, Universität Rostock)