Seeastrolabium der Esmeralda

Das Astrolabium der Esmeralda mit Wappen Portugals (oben) und Armillarsphäre (unten) hat einen Durchmesser von 175 mm. (Foto: David L. Mearns, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/1095-9270.12353)

Mit der Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama 1497/98 war ein weiterer Schritt zur europäischen Expansion getan. Die Route um das Kap der Guten Hoffnung, die Carreira da Índia, wurde jährlich von portugiesischen Flotten befahren, um Gold, Kupfer und Edelsteine gegen Gewürze wie Pfeffer, Zimt und Nelken zu handeln. Aufgrund der jahreszeitlichen Monsune war es essentiell, bestimmte Fahrpläne und Routen einzuhalten. Diese führten auch über das offene Meer. Damit entfiel die bisher übliche Navigation entlang der Küstenlinien. Auch der für die Orientierung auf See elementare Polarstern war auf der Südhalbkugel nicht sichtbar. Infolge dieser neuen Herausforderungen sanken allein zwischen 1498 und 1650 über 200 portugiesische Schiffe.

Die anspruchsvollen Bedingungen verlangten von den Seefahrern neue navigatorische Kompetenzen. Das Astrolabium zur Bestimmung von Zeit und Planetenpositionen war als mathematisch-religiöses Instrument mit mehreren Scheiben bereits seit der Antike bekannt. Im Mittelalter wurde es von den Mauren auf die Iberische Halbinsel gebracht. Die Anwendung spezieller Seeastrolabien zur Bestimmung des Breitengrads auf der Südhalbkugel ist erstmals ab dem späten 15. Jahrhundert schriftlich belegt. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts bestanden sie nur noch aus einem Metallring mit kleiner, zentraler Scheibe und Zeiger. Dadurch wurde dem Wind auf dem offenen Meer weniger Angriffsfläche geboten. Mithilfe von feinen Gradlinien auf dem Ring, dem Stand der Sonne und ausführlichen astronomischen Deklinationstabellen konnte die Position des Schiffs errechnet werden.

500 Jahre nach der Entdeckung des Seewegs nach Indien gelang der Unterwasserarchäologie ein Sensationsfund. Aus dem Wrack der Esmeralda wurde 1998 das Objekt des Monats April, das Seeastrolabium, geborgen. Die Überreste des Schiffs wurden mit Hilfe des Augenzeugenberichts des Kapitäns Pêro d’Ataíde bei Al Hallaniyah vor der Küste Omans lokalisiert. Die Esmeralda war Teil der vierten portugiesischen Expedition nach Indien, die ebenfalls von Vasco da Gama geleitet wurde. Auf der Rückfahrt im Jahr 1503 blieben fünf Schiffe im Indischen Ozean zurück, um die neu errichteten Handelsstützpunkte zu beschützen sowie fremde Handelsschiffe zwischen Indien und dem roten Meer zu plündern. Im Mai 1503 traf ein heftiger Sturm die kleine Flotte, welche zu diesem Zeitpunkt in einer Bucht bei Al Hallaniyah vor Anker lag. Die beiden Naos Esmeralda und São Pedro sanken sofort, die Überlebenden konnten in den folgenden Tagen auf den verbliebenen kleineren Schiffen entkommen.

Das hier vorgestellte Seeastrolabium wurde anhand des runden Symbols, welches auf der Rückseite zu sehen ist, datiert. Es handelt es sich dabei um das persönliche Emblem König Manuels I. von Portugal, eine Armillarsphäre, ebenfalls ein Objekt zur astronomischen Messung. Die Armillarsphäre repräsentiert außerdem globale Machtansprüche der portugiesischen Krone. Da Manuel I. erst 1495 den Thron bestieg und die Schiffe den Hafen 1502 verließen, muss das Instrument in diesen sieben Jahren hergestellt worden sein. Damit handelt es sich um das älteste erhaltene Seeastrolabium.

Im Gegensatz zu späteren Instrumenten seiner Art weist es noch nicht die typische Form eines Rings auf. Laserscans ließen auf der korrodierten Oberfläche der Scheibe 18 feine Linien im Abstand von fünf Grad sichtbar werden, welche die Verwendung als Navigationswerkzeug bestätigen. Die unübliche Form weist darauf hin, dass die Adaption technischer Instrumente für den maritimen Gebrauch schrittweise voranging und praktischer Versuche bedurfte. Im Laufe der frühen Neuzeit ersetzten Jakobsstab und später Sextant die Seeastrolabien.

Zunehmend komplexere Technologie setzte immer umfassenderes Fachwissen voraus, was die Gründung von Navigationsschulen im frühen 16. Jahrhundert nach sich zog. Das Objekt dieses Monats verdeutlicht, wie prägend die transkontinentale Expansion des Handels für den Alltag vieler Seeleute war.

(Text: Vivien Popken, Historisches Institut der Universität Greifswald)